Referendariat und Technokratie

Wer sich seine Sorgen und Nöte mit dem Referendariat von der Seele reden will, ist hier richtig. Vielleicht gibt es ja jemanden, der einen guten Rat hat.

Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon cancre » 13.10.2011, 18:43:00

wolfgang1 hat geschrieben:@cancre

Ich weiß nicht, von welchem Kompetenzmodell Du redest, aber das Modell, das ich kenne (das hessische) zielt ganz genau auf selbstständiges Denken und soziales Engagement in einer auf Menschenrechten und demokratischen Prinzipien aufgebauten Gesellschaft ab.
Es ist m.E. völlig absurd, diesem Modell vorzuwerfen, es sei von vornherein darauf ausgelegt, eigenständiges Denken und einen Beitrag zur Vorbeugung totalitärer Strukturen zu verhindern.

Ich zitiere aus dem neuen Kerncurriculum für Hessen:...


Einfach aus dem Kompetenzmodell zu zitieren, ist nun wirklich keine fundierte Argumentation für das Kompetenzmodell. Das Kompetenzmodell kann ja viel behaupten (aussen Demokratie, innen Diktatur). Entscheidend ist, was wirklich dahinter steckt und wie es sich dann auf das Bildungssystem und letztlich auf die Gesellschaft auswirkt. Dazu haben sich Prof. Dr. Jochen Krautz in http://www.erich-fromm.de/%20biophil/%20en/%20images/%20stories/%20pdf-Dateien/%20Krautz_J_2009.pdf und eben blizz80 in diesem Thread sehr fundiert und für mich auch aufgrund meiner Erfahrungen und Beobachtungen schlüssig geäußert.

Es ist offensichtlich, dass hier eine Industrialisierung der Bildung angestrebt wird (Gründe hierfür werden bei Krautz und hier im Thread genannt). Nun gibt es aber Bereiche, die dürfen nicht industrialisiert werden. Dazu gehören z.B. Bildung oder das Gesundheitswesen.

Um beim Beispiel Gesundheitswesen zu bleiben...
Die Industrialisierung des Gesundheitswesen in Deutschland ist in vollem Gange und wir können die schrecklichen Auswirkungen sehen: Tausende unnötige OPs, der Patient als Kostenfaktor, OP-Säle müssen ausgelastet werden, Kliniken müssen Profit abwerfen, Krankheiten werden erfunden etc. Weiteres Infos z.B, hier:
http://www.swr.de/odysso/-/id=1046894/nid=1046894/did=2938994/vez8u9/index.html
http://www.swr.de/odysso/-/id=1046894/nid=1046894/did=2258352/1pbhsst/index.html
http://www.vorsicht-operation.de/

Schreckliche Auswirkungen wird man auch sehen, wenn die Industrialisierung der Bildung erst so richtig in die Gänge gekommen ist. Aber dann ist es zu spät.

Natürlich ist es nicht das Kompetenzmodell alleine, dass den Boden für totalitäre Strukturen bereitet. Es ist ein Teil des Ganzen. Um das ganze Thema vollständig zu behandeln / zu begreifen, müsste man das ganze Bildungssystem, Medien etc. betrachten. Das würde aber diesen Thread dann sprengen 8)


Hallo Wolfgang1!

Du scheinst also das Kompetenzmodell für einen Teilaspekt totalitärer Bestrebungen in unserer Gesellschaft zu halten, obwohl das Modell explizit andere Zielsetzungen formuliert. Gut, nicht alle Menschen/Interessengruppen machen ihre wahren Ziele transparent, möglich wäre es also.

Ich denke aber trotzdem nicht, dass hier Totalitaristen im Hintergrund am Werk sind. Beweisen kann ich es natürlich nicht, aber das liegt einfach daran, dass sich die Nicht-Existenz von etwas nicht beweisen lässt. Umgekehrt müsstet Ihr eigentlich zeigen, dass es einen tatsächlichen Zusammenhang zwischen "Kapitalismus" oder wahlweise "Totalitarismus" und dem Kompetenzmodell gibt. Krautz - soweit mir bekannt - zeigt offensichtliche Parallelen zwischen Methoden in der Unternehmensführung und Unterrichtsmethoden. Aber der kausale Zusammenhang zwischen beiden ist meines Erachtens nicht verifiziert und somit in meinen Augen ein Konstrukt.

Krautzs oder auch Ladethins Verdienst besteht meiner Meinung nach allesdings darin, vor einer möglichen (!) Übernahme des staatlichen Bildungswesen durch wen auch immer zu warnen, zu kritischem Umgang mit Reformbestrebungen zu mahnen und die ethischen Grundsätze des demokratischen Erziehungssystems nicht zu verletzen.
Alles, was darüber hinaus geht, ist mir aber zu viel und riecht mir persönlich zu sehr nach Verschwörungstheorie. Gerade auch Deine letzen Sätze, die versuchen, den 'ganz großen Bogen' zu spannen.

Zudem sehe ich in meiner nun doch schon längeren Erfahrung als Lehrer/Beamter, wie träge und unempfindlich die erzieherische Praxis gegenüber allen Reformbestrebungen ist. Ich würde mich fast zu der These versteigen, dass alle Änderungen wirkungslos abprallen. Der normale, humanistisch geprägte Lehrer weiß, dass hier einmal wieder alter Wein in neuen Schläuchen verkauft wird und nimmt die ärgerlichen Bürokratismen, die der Reformwahn mit sich bringt, stoisch zur Kenntnis. Ansonsten ändert sich an der Praxis insgesamt erstaunlich wenig. Ja, auch mit neuem Kompetenzmodell "im Nacken" lässt sich die notwendige Freiheit erkämpfen, natürlich leise und unauffällig.

Was mich noch interessieren würde, nachdem Ihr Euch sehr, sehr kritisch zum Kompetenzmodell geäußert habt: Was ist denn Eure Alternative? Vielleicht könntet Ihr dies einmal an einer konkreten Lehrplanpassage oder Unterrichtsmethode oder einem Unterrichtssthema erläutern. Was läuft konkret falsch? Wie müsste es Eurer Meinung nach laufen?

Ach so, zum Thema "Verzweiflungsschuss": Nein, ich bin nicht verzweifelt, dazu ist mir der Thread einfach zu unwichtig, er ist für mich eher eine erheiternde (pseudo-)intellektuelle Akrobatikübung. Ich hoffe, Ihr fühltet Euch durch meine Vermutung nicht persönlich angegriffen. Ich spiele also im Sinne der zuletzt von mir gestellten Fragen den Ball zu EUch zurück.

Gruß
cancre
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Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon blizz80 » 13.10.2011, 20:38:00

@Illi-Noize

[/quote]
An Dich war das ja nicht gerichtet, ich habe Wolfgang zitiert, der mitten im Thread eingestiegen ist und sich nur dazu hier registriert hat.[/quote]

Dann nehme ich die Aussage natürlich zurück! :D
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Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon blizz80 » 13.10.2011, 21:30:05

@cancre

Ich denke aber trotzdem nicht, dass hier Totalitaristen im Hintergrund am Werk sind. Beweisen kann ich es natürlich nicht, aber das liegt einfach daran, dass sich die Nicht-Existenz von etwas nicht beweisen lässt. Umgekehrt müsstet Ihr eigentlich zeigen, dass es einen tatsächlichen Zusammenhang zwischen "Kapitalismus" oder wahlweise "Totalitarismus" und dem Kompetenzmodell gibt. Krautz - soweit mir bekannt - zeigt offensichtliche Parallelen zwischen Methoden in der Unternehmensführung und Unterrichtsmethoden. Aber der kausale Zusammenhang zwischen beiden ist meines Erachtens nicht verifiziert und somit in meinen Augen ein Konstrukt.


Ich mische mich mal ein, da diese Punkte doch wichtig sind. Ich begründe meinen Totalitarismus-Verdacht so:

1. Grundsätzlich ist dieser Verdacht nicht neu. Bereits Adorno/Horkheimer haben dem Kapitalismus unterstellt, er würde totalitäre Züge aufweisen. Außerdem ist es immer legitim, die Gesellschaft dahingehend zu untersuchen, um die Demokratie zu schützen und rechtzeitig davor warnen zu können.

2. Man betrachte das Menschenbild des Kompetenzmodells. Dazu habe ich schon einiges gesagt.
Es ist eben ein technokratisches und ökonomokratisches Menschenbild, trotz der schönen Verspackung.

Diese beiden Aspekte würde sich nicht ausreichen für eine berechtigt Sorge.

Daher 3. Wenn man die gesellschaftlichen Änderungen der letzten Jahre beobachtet, dann stellt man doch ein vermehrtes Implementieren von neoliberalen Strukturen fest. Auch wolgang1 hat ein Beispiel genannt. Es lassen sich noch weitere zeigen. Wer also mit einem einigermaßen wachen Verstand die Sache beobachtet, wird doch erkennen, dass was am Laufen ist.
Und genau das berechtigt einen Verdacht. Wenn eine Ideologie für sich beansprucht, alle Lebensbereiche einer Gesellschaft und den ganzen Menschen zu bestimmen, dann spricht man von einer totalitären Ideologie.

Alles, was darüber hinaus geht, ist mir aber zu viel und riecht mir persönlich zu sehr nach Verschwörungstheorie. Gerade auch Deine letzen Sätze, die versuchen, den 'ganz großen Bogen' zu spannen.


Technokratische Ideologien neigen dazu, alles zu verdinglichen und zu entfremden. Daher ist nicht immer alles von kleinen Männchen gesteuert, sondern auch ein Selbstläufer. Nichtsdestotrotz haben Menschen mit viel Macht und Geld auch ein Interesse, dass es so bleibt. Damit besteht durchaus das Interesse, gewisse Strukturen aufrechtzuerhalten. Das heißt aber noch nicht, das alles in geheimen Absprachen beschlossen wurde. Technokratische Ideologien wirken halt, auch wenn sie von verschiedenen Interessengruppen oder Institutionen angewendet werden, ziemlich gleich. Das erweckt manchmal den Eindruck einer umfassenden Verschwörung. Ist aber nicht der Fall

Zudem sehe ich in meiner nun doch schon längeren Erfahrung als Lehrer/Beamter, wie träge und unempfindlich die erzieherische Praxis gegenüber allen Reformbestrebungen ist. Ich würde mich fast zu der These versteigen, dass alle Änderungen wirkungslos abprallen. Der normale, humanistisch geprägte Lehrer weiß, dass hier einmal wieder alter Wein in neuen Schläuchen verkauft wird und nimmt die ärgerlichen Bürokratismen, die der Reformwahn mit sich bringt, stoisch zur Kenntnis. Ansonsten ändert sich an der Praxis insgesamt erstaunlich wenig. Ja, auch mit neuem Kompetenzmodell "im Nacken" lässt sich die notwendige Freiheit erkämpfen, natürlich leise und unauffällig.


Die älteren Lehrer können da so machen. Jedoch werden junge Lehrer an der Uni und im Ref nun auf dieses Modell inklusive Menschenbild getrimmt. Längerfristig wird sich das schon auswirken.
Ich hatte im Ref einen SL, der das Modell technokratisch perfekt vermitteln wollte. Das widersprach allem, was ich gelernt hatte und ich war in einer schizophrenen Situation. Ich konnte beobachten, wie diese Art zu denken meine Seele ungünstig verändert hat. Daher kann ich nur davor nur warnen.

Was mich noch interessieren würde, nachdem Ihr Euch sehr, sehr kritisch zum Kompetenzmodell geäußert habt: Was ist denn Eure Alternative? Vielleicht könntet Ihr dies einmal an einer konkreten Lehrplanpassage oder Unterrichtsmethode oder einem Unterrichtssthema erläutern. Was läuft konkret falsch? Wie müsste es Eurer Meinung nach laufen?


Im Wesentlichen geht es darum, dass Schluss mit der ständigen Zerfleischung verschiedener Richtungen sein muss. Wir brauchen wieder einen Grundkonsens darüber und auch ein Verständnis von echter Bildung. Leider nimmt das immer mehr ab gerade unter jungen Leuten.
Bildung braucht Zeit, Ruhe und Besinnlichkeit, daher brauchen Lehrer mehr Zeit für echte Erziehungsarbeit und sollten nicht mit sinnlosen Reformen, hochtrabenden Konzepten, etc. belästigt werden. Der ''Methodenzauber'' ist ein Witz und bringt nichts, da die Schülerleistungen trotzdem schlechter werden.

Das Problem sind die Grundsatzfragen, die basics von Erziehungsarbeit. Das stimmt bei uns nicht mehr und es gibt sehr viel Verwirrung in diesen Punkten (natürlich auch an den Hochschulen).
Meines Erachtens bringt das Krautz sehr deutlich auf den Punkt.

Erst müsste das geklärt werden. Dann kann man ins Detail gehen.

Ach so, zum Thema "Verzweiflungsschuss": Nein, ich bin nicht verzweifelt, dazu ist mir der Thread einfach zu unwichtig, er ist für mich eher eine erheiternde (pseudo-)intellektuelle Akrobatikübung. Ich hoffe, Ihr fühltet Euch durch meine Vermutung nicht persönlich angegriffen. Ich spiele also im Sinne der zuletzt von mir gestellten Fragen den Ball zu EUch zurück.


Das klingt ja leicht arrogant. Sicher werden hier nicht die höchsten Künste der Argumentation ausgelebt, aber gewisse Beiträge sind m.E. doch lesenswert und nicht ''pseudo''.

Freundlichst
blizz80
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Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon Huck Finn » 13.10.2011, 23:00:04

cancre hat geschrieben:Zudem sehe ich in meiner nun doch schon längeren Erfahrung als Lehrer/Beamter, wie träge und unempfindlich die erzieherische Praxis gegenüber allen Reformbestrebungen ist. Ich würde mich fast zu der These versteigen, dass alle Änderungen wirkungslos abprallen. Der normale, humanistisch geprägte Lehrer weiß, dass hier einmal wieder alter Wein in neuen Schläuchen verkauft wird und nimmt die ärgerlichen Bürokratismen, die der Reformwahn mit sich bringt, stoisch zur Kenntnis. Ansonsten ändert sich an der Praxis insgesamt erstaunlich wenig. Ja, auch mit neuem Kompetenzmodell "im Nacken" lässt sich die notwendige Freiheit erkämpfen, natürlich leise und unauffällig.


Das haben Sie richtig gut erkannt und richtig gut geschrieben. Nicht die professoral-pädagogischen Ideen und ihre Implementierung in Lehrpläne leiten den Unterricht sondern die Arbeitsbedingungen und Einstellungen des Lehrers vor Ort.

Wer auch immer die Welt verändern will und ob ein solches Bestreben nun gut oder schlecht ist, in der Schule wird das garantiert nicht erreicht. Hier werden der neue Mensch und die gute Gesellschaft nicht geschaffen.

Demonstrationen gegen institutionelle Änderungen in der Schullandschaft gibt es. Denken wir an die Situation in Hamburg und die Diskussionen um G8. Schon mal etwas von Demonstrationen für oder gegen Kompetenzmodelle gehört. Wie auch? Interessiert doch niemanden, weil es gesellschaftspolitisch nicht relevant ist.
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Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon blizz80 » 13.10.2011, 23:54:46

@HuckFinn

Das haben Sie richtig gut erkannt und richtig gut geschrieben.[/u] Nicht die professoral-pädagogischen Ideen und ihre Implementierung in Lehrpläne leiten den Unterricht sondern die Arbeitsbedingungen und Einstellungen des Lehrers vor Ort.


Das Kompetenzmodell ist nur eines in einer Reihe von Maßnahmen zur Technokratisierung von Bildung. Auch dies muss berücksichtigt werden. Momentan mag es so sein, dass es für die konkrete Unterrichtsarbeit noch wenig bedeutet. Das wird sich jedoch ändern, da die Maßnahmen längerfristig wirken werden. Schon jetzt die Arbeit des Lehrers zusätzlich belastet durch immer verstörtere Schüler, hysterische Eltern und zu wenig Personal. All dies wirkt auf die Qualität der Arbeit und erschwert erzieherische Arbeit. Eine Besserung ist nicht in Sicht.

Wer auch immer die Welt verändern will und ob ein solches Bestreben nun gut oder schlecht ist, in der Schule wird das garantiert nicht erreicht. Hier werden der neue Mensch und die gute Gesellschaft nicht geschaffen.


Wenn man so argumentiert, kann man sich gleich in die Ecke setzen und nichts tun. Vergangene
Generationen haben sich viel Mühe gegeben, ein hochwertiges Bildungssystem zu entwickeln. Da schwingt mal wieder der typisch pädagogische Zynismus mit einer unterschwelligen Verachtung für idealistische Bestrebungen mit.

Demonstrationen gegen institutionelle Änderungen in der Schullandschaft gibt es. Denken wir an die Situation in Hamburg und die Diskussionen um G8. Schon mal etwas von Demonstrationen für oder gegen Kompetenzmodelle gehört. Wie auch? Interessiert doch niemanden, weil es gesellschaftspolitisch nicht relevant ist.


Schon mal was von der Frankfurter Erklärung zur Technokratisierung des Bildungswesens gehört?
Es gibt schon Widerstand, wen auch gering. Doch das ändert an der Problematik nichts. Die Eltern und übrige Bevölkerung erkennen eben das Problem nicht. Wie auch, denn die Menschen verblöden hier ja immer mehr und haben kein Interesse an Bildung. Deswegen werden Sie auch auf so perfide Weise verarscht.
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Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon Valerianus » 14.10.2011, 8:56:27

"Schon jetzt die Arbeit des Lehrers zusätzlich belastet durch immer verstörtere Schüler, hysterische Eltern und zu wenig Personal."
Dem stimme ich vom Grundsatz sogar zu, aber wir müssen doch fragen woran das liegt.

Schüler: Die verstörteren Schüler, die alle mit ADHS etc. diagnostiziert werden sind ja nicht plötzlich aufgetaucht und es gab sie in den 50er Jahren nicht. Die gab es da selbstverständlich auch. Die beiden einzigen Unterschiede sind, dass es erstens deutlich mehr Psychologen gibt die so etwas überhaupt erst diagnostizieren können, das ist aber gar nicht der entscheidende Punkt. Der wichtige Punkt ist, dass die Diagnosekriterien nach ICD-10 und DSM-IV (die Version steht ja im Namen) immer weiter angepasst werden, so dass mehr Kinder in das entsprechende Störungsschema fallen (oder dass das Schema neu geschaffen wurde). Vieles was heute unter Störung fällt, fiel früher unter "nicht hinreichend gut erzogen". Damit soll nicht gesagt werden dass es keine ADHS Kinder gibt, aber unser Hang alles mit Tabletten anstatt mit z.B. Verhaltenstherapie (aka Erziehung, auch wenn das den Pädagogen hier sicher nicht gefällt) zu "kurieren" ist auch nicht wirklich zielführend. Fazit: An den Kindern kann es nicht liegen.

Eltern: Hier kommen wir dem Problem schon näher. Während es in den 50er Jahren in den meisten Fällen eine gute Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern gab, ist dieses System heute nahezu vollkommen zusammengebrochen und zwar sowohl in den oberen als auch in den mittleren sozialen Schichten (die wirkliche Oberschicht [nicht die Definition nach der ein alleinstehender A13 Lehrer Oberschicht ist] schickt ihre Kinder zur Not eh auf Privatschulen). Unten war eigentlich jedem klar, dass ein Schulabschluss einfach sein musste und es wurde darauf hingearbeitet. Daneben gab es auch mehr Arbeitsplätze für geringqualifizierte Menschen von denen man eine Familie tatsächlich ernähren konnte, so dass es weniger Ausweglosigkeit gab als heute, blablabla. Ja hier wäre was gesamtgesellschaftlich. Aber früher gab es vor allem eins nicht, nämlich die Anspruchshaltung, dass andere Leute meine Probleme lösen müssen. Es gab Armenwohnungen und Essensmarken anstatt Hartz 4, die Kleidung kam aus der Kleiderkammer der örtlichen Kirchen und Urlaub konnte man völlig vergessen, wenn überhaupt dann wurde das Kind alleine zu Verwandten geschickt. Das Hauptziel der meisten Eltern war es nämlich, dass das Kind es mal besser hatte. Ich will gar nicht bestreiten dass das nicht heute auch so ist, aber die eigene Verantwortung dafür wird weder gesehen noch wahrgenommen.
Dasselbe tritt auch im "oberen" Leistungsspektrum auf, wo man sich mit Eltern rumschlagen darf, die ihr Kind unbedingt aufs Gymnasium prügeln wollen und bei denen bei einer 5 sofort und automatisch der Lehrer die Schuld daran trägt und die im schönsten Fall mit dem Anwalt vorbeischauen. Diese Eltern interessieren sich für ihr Kind, von Eigenverantwortung ist da aber keine Spur. Das geht dann auch an der Uni so weiter. Wenn man durchfällt wird Widerspruch eingelegt, nicht gelernt. Das sehe ich als gesamtgesellschaftliches Problem und das hat nicht im geringsten etwas mit Technokratie zu tun.

Dazu auch empfehlenswert: http://9gag.com/gag/311016

Lehrer: Ja, die Einstellung von vielleicht einem Drittel aller Lehrkräfte ist zum Kotzen, weil der Lehramtsberuf durch die hohe Sicherheit, die ordentliche Bezahlung und völlig fehlende Leistungsorientierung (damit meine ich ausnahmsweise keine Schülerleistungswerte, sondern einfach die Motivation sich ordentlich vorzubereiten und gute Arbeit zu liefern, wie auch immer man das messen will)teilweise die völlig falschen Leute anlockt. Aber der Rest leistet für die Rahmenbedingungen meiner Meinung nach hervorragende Arbeit.

Vergangene Generationen haben sich Mühe gegeben ein hochwertiges Bildungssystem zu entwickeln: Mit Verlaub, was für ein Unsinn. Das Bildungssystem wird von Politikern entwickelt und deren Ziel ist es keineswegs ein pädagogisch hochwertiges Bildungssystem einzurichten, sondern eins was ihren politischen Anschauungen entspricht. Das dreigliedrige Schulsystem ist von seiner Grundidee her ein Spiegel der drei Klassen im 19. Jahrhundert (Hilfsarbeiter=Unterschicht, Facharbeiter/Handwerker=Bürgerliche Mittelschicht, Staatsbeamte=Oberschicht). Die Schulpflicht hatte das Ziel gut ausgebildete Arbeiter zu bekommen, weil man die davor aus Frankreich importieren musste. Mit der Koedukation hat man vor allem Geld gespart (Synergieeffekte woooh) und sich den Zeichen der Zeit angepasst dass Frau und Mann gleichgestellt sind. Die Gesamtschule schließlich ist dem frommen Wunsch entsprungen, dass alle Menschen mit gleichen Voraussetzungen ins Leben starten in einer Zeit als Pädagogen dagegen gewütet haben, dass Psychologen in Intelligenztestnormierungen zeigen konnten, dass es da schon gewisse Gründe gibt warum oben ist und oben bleibt (auch wenn die Varianz in den Gruppen höher ist als zwischen den Gruppen).

Völlig von der Messung weg, ich weiß dass empirische Forschung für viele Pädagogen was Neues und Böses ist, in der Psychologie macht man das seit dem 19. Jahrhundert und auch schon genauso lange zur Bildungsforschung, noch einmal zum Kompetenzmodell:
Ein großer Vorteil des Kompetenzmodells ist einfach, dass jetzt gesagt wird, dass alle Schüler einen gewissen Standard erreichen (Mindeststandard) und dass damit jeder Schüler das Recht hat, das ein Lehrer ihn dahin bringt (Problematik in der Eigenverantwortung siehe oben). In der guten alten Zeit davor war es einfach "friss oder stirb" aka "ich hab es durchgenommen (Input), was scherts mich was ihr verstanden habt (Output)". Deine Argumentation ist also gegen das Verständnis der Schüler gewandt.
Darüber hinaus stimme ich übrigens meiner Mathedidaktikprofessorin zu, die an den Lehrplänen für NRW mitgearbeitet hat: "Davon abgesehen, dass man als SuS jetzt ein bisschen mehr Anrecht auf Erfolg hat und dass mehr fächerübergreifende Prozesse im Lehrplan stehen hat sich überhaupt nichts geändert. Lernziele oder Kompetenzen, alle paar Jahre wird halt mal eine neue Sau durchs Land getrieben was die Begriffe angeht. Dadurch ändert sich aber nicht wirklich etwas."
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Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon wolfgang1 » 14.10.2011, 13:46:32

@Illi-Noize

Naja, es kann schon seltsam wirken, wenn man sich neu anmeldet und dann nur in einem einzigen Thread postet

Da bin ich bei weitem nicht der einzige in diesem Forum, der das so handhabt. Interessant ist, dass solche Dinge oft dann als "seltsam" empfunden werden, wenn jemand eine nicht-konforme Meinung vertritt. Das bestätigt so einiges
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