Referendariat und Technokratie

Wer sich seine Sorgen und Nöte mit dem Referendariat von der Seele reden will, ist hier richtig. Vielleicht gibt es ja jemanden, der einen guten Rat hat.

Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon Illi-Noize » 14.10.2011, 13:56:15

wolfgang1 hat geschrieben:@Illi-Noize

Naja, es kann schon seltsam wirken, wenn man sich neu anmeldet und dann nur in einem einzigen Thread postet

Da bin ich bei weitem nicht der einzige in diesem Forum, der das so handhabt. Interessant ist, dass solche Dinge oft dann als "seltsam" empfunden werden, wenn jemand eine nicht-konforme Meinung vertritt. Das bestätigt so einiges

Es ging mir nicht um Deine Meinung - um ehrlich zu sein lese ich in diesem Thread überhaupt nicht mit und ich weiß überhaupt nicht, was Du für eine Meinung hast.

Es ging nur darum, dass Du Dich hier angemeldet hast, und in einem nicht-klassischen Referendar-Thread das erste (und alle) Posting(s) gemacht hast. Die große Mehrheit meldet sich an, weil sie eine Frage zum Referendariat hat und startet dann eher mit "Welche Bücher brauche ich?" usw.
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Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon wolfgang1 » 14.10.2011, 14:46:32

@cancre

Ich denke aber trotzdem nicht, dass hier Totalitaristen im Hintergrund am Werk sind.

So einfach ist das nicht und wurde hier so auch nicht behauptet. Wenn sich die Entwicklung totalitärer Strukturen so einfach vollziehen würde, wäre es ja sehr einfach gegenzusteuern dann hätten wir auch die ganze Diskussion hier im Thread nicht. Es sind eine ganze Reihe interessierter Organisationen mehr oder weniger offen am Werke, die einen sehr langen Zeithorizont für die Erreichung ihrer Ziele einkalkulieren und dazu auf ganz unterschiedlichen Ebenen und in ganz unterschiedlichen Bereichen agieren und dabei ganz unterschiedliche Werkzeuge zum Einsatz bringen. Das Kompetenzmodell ist eines von vielen Werkzeugen.

Beweisen kann ich es natürlich nicht, aber das liegt einfach daran, dass sich die Nicht-Existenz von etwas nicht beweisen lässt.

Von Nicht-Existenz kann überhaupt nicht die Rede sein, denn es ist vieles klar sichtbar. Nur muss man dazu natürlich mal die Augen richtig aufmachen.

Umgekehrt müsstet Ihr eigentlich zeigen, dass es einen tatsächlichen Zusammenhang zwischen "Kapitalismus" oder wahlweise "Totalitarismus" und dem Kompetenzmodell gibt.

Dies wurde hier im Thread und auch schon woanders bereits mehr als einmal aufgezeigt. Im Übrigen musst Du nur mit offenen Augen durch die Welt gehen. Die Zusammenhänge liegen auf der "Strasse" und diese zu erkennen ist keine große Wissenschaft, sondern mehr eine Sache des gesunden Menschenverstandes. Und oft genug wurde hier auch gesagt, dass es nicht das Kompetenzmodell alleine ist.

Alles, was darüber hinaus geht, ist mir aber zu viel und riecht mir persönlich zu sehr nach Verschwörungstheorie. Gerade auch Deine letzen Sätze, die versuchen, den 'ganz großen Bogen' zu spannen.

Da es ein komplexes Thema ist, genügt es nicht, einzelne Dinge isoliert zu betrachten. Das hat nichts mit Verschwörungstheorien zu tun. Jeder, der genauer hinschaut, wird erkennen, was Industrialisierung falsch angewendet in vielen Bereichen (Bildung, Gesundheitswesen, Lebensmittel,...) an Schäden anrichtet und anrichten wird und welche negativen Folgen daraus resultieren.

Was mich noch interessieren würde, nachdem Ihr Euch sehr, sehr kritisch zum Kompetenzmodell geäußert habt: Was ist denn Eure Alternative? Vielleicht könntet Ihr dies einmal an einer konkreten Lehrplanpassage oder Unterrichtsmethode oder einem Unterrichtssthema erläutern. Was läuft konkret falsch? Wie müsste es Eurer Meinung nach laufen?

Auch dies wurde hier im Thread und auch schon woanders bereits mehr als einmal aufgezeigt, zumindest in Teilen. Ergänzend sei noch Folgendes zu erwähnen:
- Das Kompetenzmodell und andere Bausteine sind Folge von Entscheidungen, die von Organisationen getroffen werden. Die meisten von uns erfahren nicht viel über diese Entscheidungsprozesse und Hintergründe. Man hört dann mal nebenbei von Bologna II etc.

- Die Kernkritik richtet sich gegen die Industrialisierung der Bildung (das Kompetenzmodell ist dabei ein Baustein). Warum das nicht gut sein kann, wurde hier bereits ausführlich dargelegt. Aufgrunddessen was man in anderen Bereichen und bereits jetzt in der Bildung beobachten kann, ist klar, was das versteckte Ziel der Bildungsindustrialisierung ist: Die Industrialisierung der Bildung soll mit dazu beitragen, unkritische, leicht zu manipulierende, leicht auszubeutende und einseitig auf Konsum ausgerichtete Menschen "zu erhalten". Diese Entwicklung findet natürlich vielschichtig statt (nicht nur in der Schule) und ist bereits in vollem Gange, wie man z.B. hier sehr gut nachlesen kann: http://www.zeit.de/2011/37/Kindheit/seite-1

- Eine der Forderungen (neben den Punkten, die u.a. bereits blizz80 genannt hat) ist, dass die einseitige Fokussierung auf technische und wirtschaftliche Themen in der Bildung ein Ende haben muss. Zudem müssen die technischen und wirtschaftlichen Themen, wieder einen ethischen und moralischen Überbau erhalten <- das z.B. leisten die Kompetenzmodelle nicht, sondern ganz im Gegenteil.

- Die Hauptforderung ist letztlich: Es muss wieder um Bildung im eigentlichen Sinne gehen und nicht um eine industrialisierte Ausbildung von Menschen mit dem Ziel, dass diese später als "gut geformte" Zahnrädchen für die Wirtschaft also vor allem für die immer mächtiger werdenden Konzerne "funktionieren". Wenn Regierungen und andere Organisationen heute von Bildung sprechen, ist es deshalb ein Hohn, weil diese natürlich in Wirklichkeit die eben genannte industrialisierte Ausbildung meinen.
Zuletzt geändert von wolfgang1 am 14.10.2011, 16:17:41, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon Huck Finn » 14.10.2011, 14:49:57

blizz80 hat geschrieben:Vergangene Generationen haben sich viel Mühe gegeben, ein hochwertiges Bildungssystem zu entwickeln.
...was dann schließlich in den Holocaust mündete.

blizz80 hat geschrieben:Da schwingt mal wieder der typisch pädagogische Zynismus mit einer unterschwelligen Verachtung für idealistische Bestrebungen mit


Ich habe nichts gegen idealistische Bestrebungen (wenn sie mir gefallen). Ich bin allerdings der Überzeugung, dass sie nur mit Finanzamt und Polizei durchgesetzt werden können. Insofern halte ich sowohl alte als auch neue Bildungsideale, sofern sie Leitschnur für unterrichtliches Handeln sein wollen, für Humbug, weil sie viel zu wenig festlegen (können), in welcher Situation sich ein Lehrer wie zu verhalten hat.

Anders ist es mit dem Schulsystem:

Valerianus hat geschrieben:Das Bildungssystem wird von Politikern entwickelt und deren Ziel ist es keineswegs ein pädagogisch hochwertiges Bildungssystem einzurichten, sondern eins was ihren politischen Anschauungen entspricht.


So ist es. Was meinen Sie wohl, was die eigentlichen Ursache für das ganze euphorische Geschrei um die Ganztagsschule ist. Die große Bildungstheorie um dieses Phänomen ist doch nur Camouflage. In Wirklichkeit soll so beiden Elternteilen in wirtschaftlich schlechten Zeiten die Erwerbstätigkeit ermöglicht werden, da sie sonst am Steuereinnahmenverteilungstropf hängen. Anstatt nun so gut es geht dafür zu sorgen, dass eine Ein-Verdiener-Familie vom Arbeitseinkommen gut leben kann, wird dabei geholfen, dass beide Elternteile arbeiten gehen können. Entsprechend fallen jetzt auch die Gerichtsurteile zum Unterhalt alleinstehender Mütter aus ("Welcher Unterhalt?" - "Ganztagsschule!").
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Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon wolfgang1 » 14.10.2011, 16:01:17

@Valerianus

Schüler: Die verstörteren Schüler, die alle mit ADHS etc. diagnostiziert werden sind ja nicht plötzlich aufgetaucht und es gab sie in den 50er Jahren nicht. Die gab es da selbstverständlich auch. Die beiden einzigen Unterschiede sind, dass es erstens deutlich mehr Psychologen gibt die so etwas überhaupt erst diagnostizieren können, das ist aber gar nicht der entscheidende Punkt....

Deinen Ausführungen hierzu kann ich teilweise zustimmen, jedoch
- Art und Umfang der "Störungen" haben tatsächlich zugenommen im Vergleich zu früher. Aber woran liegt es? Es ist ein Ursachen-Cocktail und es gehört nicht viel Fantasie dazu diese Frage zu beantworten: Umwelteinflüsse, Ernährung, Konsum resp. Medien-Konsum,...

- Zum Teil sind die Kinder jedoch gar nicht gestört, sondern verhalten sich einfach nur wie normale natürliche Kinder. Aber das ist ja nicht (industrie)konform also erklärt man sie für krank. Eine Art von Gleichschaltung soll hier also stattfinden

- Und es kann nicht genug betont werden: Die Gesundheitsindustrie will von dieser Entwicklung Profit schlagen und betreibt ein entsprechendes "Marketing" um ADHS etc. - die explodierenden Absatzzahlen für Ritalin sprechen für sich. Die Konzerne verdienen sich also einmal mehr eine goldene Nase an Schäden, die sie selber maßgeblich angerichtet haben

Eltern: Hier kommen wir dem Problem schon näher. Während es in den 50er Jahren in den meisten Fällen eine gute Zusammenarbeit zwischen Schule und Eltern gab,...Das sehe ich als gesamtgesellschaftliches Problem und das hat nicht im geringsten etwas mit Technokratie zu tun. Dazu auch empfehlenswert: http://9gag.com/gag/311016

Deine Bestandsaufnahme ist gut, jedoch nennst Du nur sehr oberflächlich die Gründe des Status-Ouo. Und was sagt die von Dir genannte Quelle groß aus? Sie stellt dar, wie es heute oft ist. Wie lustig! Aber warum ist es so wie es ist? Eine fundiertere Antwort (und wenn nur in Form einer guten Quelle) bleibst Du schuldig. Hier eine Quelle, die fundiert zumindest teilweise eine Antwort gibt: http://www.zeit.de/2011/37/Kindheit/seite-1
Und natürlich hat diese Entwicklung sehr wohl was mit dieser einseitigen jahrzehntelangen und sich immer mehr beschleunigenden Technokratie-Orientierung zu tun. Um das zu erkennen, muss man nicht studiert haben - dazu hat so mancher sog. einfache Bauer, mit dem ich schon gesprochen habe, mehr Wissen und Erkenntnisse als einige Beitragende hier im Thread.

Vergangene Generationen haben sich Mühe gegeben ein hochwertiges Bildungssystem zu entwickeln: Mit Verlaub, was für ein Unsinn. Das Bildungssystem wird von Politikern entwickelt und deren Ziel ist es keineswegs ein pädagogisch hochwertiges Bildungssystem einzurichten, sondern eins was ihren politischen Anschauungen entspricht. Das dreigliedrige Schulsystem ist von seiner Grundidee her ein Spiegel der drei Klassen im 19. Jahrhundert

Du verwechselst (wie schon andere in diesem Thread) hochwertige Bildungssysteme z.B. nach dem Humboldtschem Bildungsideal mit dem was Politiker u.a. daraus gemacht haben und machen. Es richtig: Das deutsche Bildungssystem ist elitär und wird immer elitärer. Das hat jedoch nichts z.B. mit dem Humboldtschem Bildungsideal zu tun.

Völlig von der Messung weg, ich weiß dass empirische Forschung für viele Pädagogen was Neues und Böses ist, in der Psychologie macht man das seit dem 19. Jahrhundert und auch schon genauso lange zur Bildungsforschung,

Nicht die Empirie ist "böse", sondern deren falsche Verwendung und die einseitige Fokussierung auf diese ohne auch andere MIttel zum Einsatz zu bringen, wenn es angebrachter ist (z.B. bei komplexen nicht komplizierten Themenstellungen)

Ein großer Vorteil des Kompetenzmodells ist einfach, dass jetzt gesagt wird, dass alle Schüler einen gewissen Standard erreichen (Mindeststandard)

Standard kann hier auch konzernkonforme Mindestnorm bedeuten und das hat mit echter Bildung nichts zu tun. Wenn mit "Standard" jedoch eine gute Qualität der Bildung gemeint ist, so braucht es dafür kein Kompetenzmodell, sondern ein Bildungssystem, dass Bildung im eigentlichen Sinne zum Ziel hat und z.B. seine Lehrer entsprechend auswählt und bildet.

...und dass damit jeder Schüler das Recht hat, das ein Lehrer ihn dahin bringt (Problematik in der Eigenverantwortung siehe oben).

Das Recht hat ein Schüler auch ohne Kompetenzmodell.

In der guten alten Zeit davor war es einfach "friss oder stirb" aka "ich hab es durchgenommen (Input), was scherts mich was ihr verstanden habt (Output)". Deine Argumentation ist also gegen das Verständnis der Schüler gewandt.

Das "friss oder stirb"-Szenario wird durch ein Kompetenzmodell nicht verhindert. Auch zu einem echtem Verständnis trägt ein Kompetenzmodell nicht bei, sondern fördert bloß ein technokratisches Schema-F-Verständnis <- das eigentliche Denken wird vorgegeben und das ist ja auch ganz im Sinne der Konzerne und anderer an nicht wirklich eigenständig denkenden Menschen interessierten Organisationen.
Zuletzt geändert von wolfgang1 am 15.10.2011, 22:41:03, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon blizz80 » 14.10.2011, 17:38:49

@HuckFinn

...was dann schließlich in den Holocaust mündete.


Das ist ja jetzt ziemlich lächerlich. Man kann doch nicht alles, was das Deutsche Reich an Kultur entwickelt hat, unterschwellig als Ursache für den Holocaust betrachten.
Bevor die Nazis kamen, war Deutschland eine führende Wissenschaftsnation und die Sprache Deutsch war weltweit sehr angesehen und viele Menschen haben diese Sprache gelernt, um die vielen hochwertigen Wissenschaftspublikationen zu lesen.

Das hat man wohl heute schon vergessen, scheint mir...

Natürlich heißt das nicht, dass es nicht Dinge gab, die man ziemlich am Bildungssystem von damals kritisieren kann. Aber mir scheint, dass hier gerne eine Schwarz-Weiß-Polemik aufgezogen wird.
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Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon chrisy » 15.10.2011, 7:35:04

Dass das dt. Bildungssystem in den Holocaust geführt hat, mag ich so auch nicht stehen lassen. Klar, antisemitische Stereotype wurden schon in den kirchlichen Knabenschulen täglich gelehrt und was die antisemitischen Parteien an Bildungsinhalten in Österreich und DR in der Zeit ab 1890 emporbrachten darf man auch nicht unterschätzen. Aber: Im Grunde hat sich das Schulsystem ja bis heute nicht groß geändert - es unterteilt weiterhin nach Begabung.

Im Zusammenhang mit dem Holocaust ist es vielleicht eher beschämend, dass es gerade die Lehrerschaft war, die sich so schnell vereinnahmen und widerstandslos gleichschalten ließ.
"Das deutsche Schicksal: vor einem Schalter zu stehn. Das deutsche Ideal: hinter einem Schalter zu sitzen."
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Re: Referendariat und Technokratie

Beitragvon Freidenker » 16.10.2011, 15:25:21

chrisy sprach :

Im Zusammenhang mit dem Holocaust ist es vielleicht eher beschämend, dass es gIerade die Lehrerschaft war, die sich so schnell vereinnahmen und widerstandslos gleichschalten ließ.


Naja, die jetzige junge Lehrergeneration incl. Referendare finde ich auch nicht besonders durchreflektiert und kritisch eingestellt. 8)
Ihr kommuniziert mit dem künftigen Bildungsminister !
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