"Referendariat" vs. "Jeder vierte Azubi bricht Lehre ab"

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"Referendariat" vs. "Jeder vierte Azubi bricht Lehre ab"

Beitragvon Illi-Noize » 25.01.2013, 16:32:02

http://www.sueddeutsche.de/karriere/ausbildung-jeder-vierte-azubi-bricht-lehre-ab-1.1582766
Angehende Kellner und Umzugshelfer schmeißen besonders oft hin - aber auch in anderen Berufen beenden viele Lehrlinge ihre Ausbildung vorzeitig. Die Abbrecherquote ist einem Bericht des Bundesinstituts für Berufsbildung zufolge auf dem höchsten Stand seit 20 Jahren.

Lehrjahre sind keine Herrenjahre, sagt der Volksmund. Er spricht damit möglicherweise einen Grund an für die hohe Abbrecherquote unter Auszubildenden in Deutschland. Denn nach einem Bericht der Welt beendet hierzulande fast jeder vierte Azubi seine Lehre vorzeitig. Das ist der höchste Stand seit dem Wirtschaftsboom nach der Wiedervereinigung.

Im Jahr 2011 sei die Abbrecherquote auf 24,4 Prozent gestiegen, berichtet das Blatt unter Berufung auf eine Auswertung des Bundesinstituts für Berufsbildung (BiBB) für den Berufsbildungsbericht 2013. Demnach wurden 2011 insgesamt 149.760 Ausbildungsverträge vorzeitig aufgelöst.

Allerdings gibt es große Unterschiede zwischen den Berufen. Der Analyse zufolge beendet jeder zweite Kellner und Umzugshelfer seine Lehre nicht; bei Verwaltungsfachangestellten, Elektronikern und Bankkaufleuten liegt die Abbrecherquote dagegen weit unter zehn Prozent.

Die Gründe für Unzufriedenheit in der Lehre sind vielfältig: In einer Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) beklagten Azubis, sie müssten Überstunden ohne Ausgleich ableisten oder ausbildungsferne Tätigkeiten verrichten. Darüber hinaus seien Ausbilder bisweilen nicht als Ansprechpartner präsent.

Auch in der im September 2012 veröffentlichten Studie schnitt der Kellnerberuf besonders schlecht ab. DGB-Vize Ingrid Sehrbrock sagte dazu, die Lehrlinge in dieser Branche fühlten sich "häufig als billige Arbeitskräfte ausgenutzt und sie sind dem enormen Druck von Ausbildern und Kunden teilweise schonungslos ausgesetzt."

Angesichts der Ergebnisse des jüngsten Berichts konstatierte Sehrbrock, es sei "auffällig, dass die Quote der Abbrüche sich seit Jahren erheblich zwischen den einzelnen Ausbildungsberufen unterscheidet." In der Welt forderte sie, die Betriebe in diesen "Problembranchen" müssten dringend an ihrer Attraktivität und Ausbildungsqualität arbeiten.

Sie forderte zudem ausbildungsbegleitende Hilfen für die Betriebe, etwa durch Sozialpädagogen. "Bisher werden diese Hilfen erst eingesetzt, wenn schon schlechte Noten in den Berufsschulzeugnissen stehen." Das sei "deutlich zu spät". Der Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertags, Hans-Heinrich Driftmann, plädierte für eine frühzeitige und gute Berufsorientierung. "Wer weiß, was er will und kann, der trifft auch leichter die Entscheidung für den richtigen Beruf", sagte er dem Blatt.

Unter den Bundesländern verzeichnen dem Bericht zufolge Mecklenburg-Vorpommern und Berlin die höchsten Abbrecherquoten. Jeder dritte Ausbildungsvertrag wird dort vorzeitig aufgelöst. Am unteren Ende der Rangskala liegen Baden-Württemberg und Bayern mit Quoten von knapp 20 Prozent.



Diese Nachricht fand ich heute durchaus interessant. Ist etwa das Referendariat, das ja angeblich so "lächerlich", "menschenverachtend" und "belastend" ist, am Ende sogar leichter zu schaffen als eine stinknormale Lehre?
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Re: "Referendariat" vs. "Jeder vierte Azubi bricht Lehre ab"

Beitragvon kecks » 25.01.2013, 18:03:09

nein. die teilnehmer sind nur schlicht schon deutlich älter (25ff statt 15ff).
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Re: "Referendariat" vs. "Jeder vierte Azubi bricht Lehre ab"

Beitragvon User65 » 25.01.2013, 18:05:58

Maßgeblich für die Abbruchrate scheint auch wohl die Perspektive zu sein, die der Beruf bietet.

Es steht ja auch nicht dabei, weshalb Umzugshelfer und Kellner eine Lehre abbrechen? Vielleicht bietet sich diesen Leuten ein besserer Beruf. (Ich wusste noch nicht einmal, dass das überhaupt Ausbildungsberufe sind.) Es ist doch klar, dass z. B. Verwaltungsangestellte eine Lehre nicht leichtfertig abbrechen, weil dieser Beruf tatsächlich eine gute Perspektive im öffentlichen Dienst bietet. Ähnlich ist es doch auch im Referendariat. Ich bin sicher, dass dort die Abbruchquote weitaus höher wäre, wenn diese potentiellen Abbrecher auch wirklich eine Berufsalternative mit z. B. ähnlichen Gehaltsperspektiven hätten.
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Re: "Referendariat" vs. "Jeder vierte Azubi bricht Lehre ab"

Beitragvon Fränzy » 25.01.2013, 18:12:19

In den Gastroberufen sind es die Arbeitszeiten und die Tatsache, dass die Betriebe ab vom Schuss sind. Das ist mit 16 heftig. Ausserdem ist die Schule fuer Hauptschueler oft schwer. Selbstverstaendlich ist Restaurantfachkraft ein anerkannter Ausbildungsberuf nach dem Berufsbildungsgesetz, wie auch die Fachkraft fuer Umzugsservice. Ich kenne auch personen die das gerne machen. Man kann also nicht sagen diese oder jenen Berufe sind schlechter

Verwaltungs- und Bankmenschen sind meist älter und reifer, haben höhere Schulabschlüsse und oft auch einschlägige Schulen besucht (z.B. WG).

Übrigens gibts sogar bei Restaurantfachkräften Weiterbildungen
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Re: "Referendariat" vs. "Jeder vierte Azubi bricht Lehre ab"

Beitragvon User65 » 28.01.2013, 13:39:43

@Fränzi

Über die Wertigkeit von Ausbildungsberufen wollte ich eigentlich gar keine Aussage treffen. Vielleicht habe ich mich falsch ausgedrückt.

Hier geht es doch darum, dass provokant suggeriert wird, dass gewöhnliche Berufsausbildungen für den Lehrling anscheinend sehr belastend sind, weil 25 % die Ausbildung abbrechen. Ich habe nur darauf hingewiesen, dass ein Abbruch nichts mit dem Ausbildungsdruck durch Lehrherr oder Berufsschule zu tun haben muss. Dass gerade die Abbruchquote in den Ausbildungen, die eine geringere schulische Qualifikation voraussetzen, nur eine unterdurchschnittliche spätere Gehaltsperspektive bieten und bei denen die Gefahr zukünftiger prekärer Beschäftigungsverhältnisse sehr groß ist, spricht doch Bände. Solche Ausbildungen geben eben für ein schönes Leben danach nicht viel her, sie haben in der gesamten Berufsbiografie keine große Bedeutung, und deshalb ist es auch einfacher, sie abzubrechen. Machen wir aus der Restaurantfachkraft eine Beamtenstelle mit A7, und schon werden sich Bewerber um diesen Job reißen, und die Abbruchquote wird bei 3% liegen.

So gesehen ist natürlich der Ausbildungdruck auf einen Referendar um ein Vielfaches höher, und zwar bevor er auch nur ein Wort mit seinen Ausbildern und Schülern gesprochen hat! Er kann die "Lehre" nicht leichtfertig abbrechen, weil sich ihm kaum angemessene Alternativen bieten. Dabei spielt natürlich auch - wie Keks schon gesagt hat - das Alter (und die Reife) eine bedeutsame Rolle.

Deshalb würde ich sagen, dass schon aus diesem Grund der Druck auf einen Referendar sehr viel höher ist. Diese Ausbildung ist in der individuellen Lebensperspektive einfacher wichtiger als eine Ausbildung zum Kellner, die man leicht durch etwas anderes auf gleichem Niveau ersetzen kann.

Ich will jetzt mal die vielleicht auch hohen Anforderungen einer Berufsschule im dualen System vernachlässigen. Aber die Anforderungen eines Ausbilders in einer gewöhnlichen Lehre dürften im Übrigen generell weitaus einfach zu befriedigen sein als die amorphen Ansprüche eines Fachseminarleiters. ("Räum' die Werkbank bis 17:00 Uhr auf!" vs. "Gerade im Hinblick auf einen schülerorientierten Unterricht müssen Sie noch an Ihrer Persönlichkeit arbeiten!") Hier sehe ich übrigens die wesentliche Belastung in der zweiten Phase der Lehrerausbildung: es sagt einem niemand, was man wann genau zu machen hat. Hier muss ich mir Lösungen ausdenken, während Auszubildende in den allermeisten Fällen nur das Handeln der Ausbilder und Kollegen adaptieren müssen.

Ich hatte mal mit einen KFZ-Ausbildungsbetrieb zu tun, dem ständig und reihenweise die Auszubildenden fortliefen. Es herrschte dort ein rauher Ton, es wurden viele Überstunden verlangt - auch im mütterlichen Garten des Betriebsherrschers - und am Sonntag durften sie noch regelmäßig Tankstellendienst schieben. In einem Fall setzte es auch mal Prügel. Irgendwann hat dann die Berufsschule und die zuständige Handwerkskammer ein ernstes Wort mit dem Geschäftsführer gesprochen. Ich wage gar nicht daran zu denken, ob ein analoges Problem eines Referendars auch so gelöst werden könnte, aber ich habe natürlich auch noch nicht gehört, dass ein Seminarleiter mal einen Referendar verprügelt hat.

Fazit für mich ist jedenfalls, dass Berufsausbildung und Referendariat sich nicht vergleichen lassen. Nicht umsonst spricht man auch vom Vorbereitungsdienst und nicht von Ausbildung.
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Re: "Referendariat" vs. "Jeder vierte Azubi bricht Lehre ab"

Beitragvon krabappel » 09.02.2013, 12:10:00

Fränzy hat geschrieben:
Verwaltungs- und Bankmenschen sind meist älter und reifer, haben höhere Schulabschlüsse
und oft auch einschlägige Schulen besucht (z.B. WG).

Das erscheint mir auch als einziger logischer Grund: Wer in die Berufe drängt und nicht in welchen Branchen welche "Wochenendschichten im Betriebsbesitzer-Garten" üblich sind. Anstrengend wirds überall sein.

@illi-noize: Wo siehst du eigentlich den Zusammenhang zum Referendariat? Wieviele Leute brechen denn das Ref ab?
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Re: "Referendariat" vs. "Jeder vierte Azubi bricht Lehre ab"

Beitragvon Illi-Noize » 09.02.2013, 12:12:14

Ich habe den Zusammenhang durch die Postings in diesem Forum hergestellt und unter dem Artikel es eigentlich aus meiner Sicht klar ausgedrückt ;-)

Ist etwa das Referendariat, das ja angeblich so "lächerlich", "menschenverachtend" und "belastend" ist, am Ende sogar leichter zu schaffen als eine stinknormale Lehre?
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