Boom der Privatschulen - staatliches Schulsystem am Ende?

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Boom der Privatschulen - staatliches Schulsystem am Ende?

Beitragvon admin » 14.06.2008, 10:53:07

Laut einer Meldung der Nachrichtenagentur AFP vom 14.06.08 besucht inzwischen jeder zehnte Gymnasiast eine Privatschule. Laut Statistische Bundesamt seien demnach 7,3% aller Schüler an einer Privatschule, wobei die Gruppe der Gymnasiasten am Höchsten sei. In NRW liege die Privatschülerquote an Gymnasien bei 16,5%!

Attraktiv an Privatschulen sind sicherlich die kleineren Klassen und die hohe Bereitschaft, sich bei ausgeprägter Binnendifferenzierung auch um die schwächeren Schüler intensiv zu kümmern, ohne die gut Begabten zu langweilen.

Die Eltern scheinen sich ihr Urteil über staatliche Schulen gebildet zu haben. Die staatlichen Schulen (hier vor allem NRW) erfüllen wohl nicht mehr die Qualitätsansprüche der Eltern.

Wie bewertet ihr den Boom der Privatschulen?
Habt ihr bereits Erfahrung mit Privatschulen, sei es als ehemaliger Schüler oder als Lehrkraft?
Würdet ihr lieber an einer Privatschule als einer staatlichen Schule unterrichten?
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Beitragvon kakaotrinkerin » 14.06.2008, 11:44:17

Ich unterrichte an einer Privatschule und fühle mich dort mehr als wohl. Ich fühle mich da so wohl, dass ich dafür eine Planstelle abgesagt habe, auch wenn ich keine Ahnung habe, ob jetzt dort oder überhaupt noch jemals verbeamtet werde. Die vielen Vorteile, die ich dort habe, überwiegen aber für mich absolut den finanziellen Nachteil.

Unsere Klassen sind nicht kleiner als die an staatlichen Schulen, zumindest bei uns ist das so. Eher sogar größer, weil der Zulauf zu unserer Schule massivst ist und wir locker noch 2 Klassen mehr pro Jahrgangsstufe füllen könnten.

Auch wenn die Klassen teils sehr groß sind, sind die Probleme im Allgemeinen doch eher klein. Natürlich gibt es immer mal wieder auch Einzelfälle, in denen es mit S. zu größeren Konflikten kommt- das ist aber im Gegensatz zu vielen staatlichen Schulen nicht der Regelfall / die Tagesordnung, sondern vereinzelte Ausnahmen, die dank eines strengen Sanktionskatalogs auch nicht oft vorkommen.

Es geht bei uns sehr streng zu- nicht gemachte Hausaufgaben werden konsequent geahndet, auch bei verhältnismäßig kleineren Störungen wird eingegriffen, der Kontakt zu den Eltern ist sehr eng und wird auch bei Problemen frühzeitig gesucht. Vieles lässt sich so auch schon präventiv regeln. Und wer sich nun wirklich gar nicht an die Schulregeln anpassen will oder kann, muss nicht so lange mitgeschleppt werden, bis eine andere Schule sich großzügig erbarmt, sondern derjenige kann bzw. muss gehen. Es muss ja niemand zu uns kommen. Die Schulleitung schließt mit den Eltern einen Vertrag, und wer sich da aus welchen Gründen auch immer nicht dran halten möchte, wird auch nicht weiter mit durch den Schulalltag geschleppt. Das bedeutet aber keinesfalls, dass jeden Tag jemand von der Schule fliegt :) Im Gegenteil, die wirklich großen Konflikte kommen wie gesagt mehr als selten vor, weil eben alle wissen, dass sie nicht zum Besuch dieser Schule gezwungen werden und direkt wieder gehen können oder müssen, wenn etwas Gravierendes vorfällt. Das hört sich alles vielleicht auf den ersten Blick sehr streng an, aber wenn man mal genauer hinhört, merkt man auch schnell, dass der überwiegende Teil der Klientel diese Strenge auch absolut richtig findet und es als Privileg ansieht, eine solche SChule besuchen zu können.

Da die Klientel letztendlich einfach eine ausgewählte ist und nicht das, was eben genommen werden muss, sind Leistungen und Leistungsbereitschaft auch meistens deutlich besser. Natürlich kommt es auch bei uns vor, dass S. das Klassenziel nicht erreichen oder eher schlechtere Noten einfahren. Der Prozentsatz derer ist aber doch eher sehr gering.

Auch der Kontakt mit den Eltern ist meist sehr gut. Die Eltern sind sehr interessiert an dem, was ihre Kinder leisten, vielleicht manchmal eben auch nicht leisten und was man tun kann, um dies oder jenes zu verbessern. Natürlich gibt es auch hier immer mal wieder Ausnahmefälle und man erlebt auch bei uns eher fragwürdige Eltern, aber im Vergleich zu staatlichen Schulen sind die Probleme, die in dieser Hinsicht auftauchen, auch absolut marginal.

Man kann einfach viel besser unterrichten. Man ist nicht ständig mit irgendwelchen Disziplinkonflikten beschäftigt und man hat es eben in der Hand zu sagen "Du bist freiwillig hier. Du musst diese Schule nicht besuchen, du darfst es lediglich. Wenn dir die Regeln nicht passen, musst du gehen"- aber weil eben alle wissen, dass das so ist und wir alle nicht dort sein müssten, sondern es wollen, muss man das sogut wie nie sagen. Es steht eben einfach irgendwo im Raum und alle profitieren davon. Dadurch, dass soviel Wert auf Ordnung, Respekt, Disziplin, Pünktlichkeit und halbwegs ordentliche Leistungen gelegt wird, haben Abgänger im Regelfall überhaupt keine Probleme, nach der Schule in die Berufswelt einzusteigen oder auf eine weiterführende Schule zu gehen. Die Schule hat so einen guten Ruf, dass ich schon selbst von Unternehmern gesagt bekommen habe, dass sie lieber jemanden von unserer Schule nehmen als von sonst einer hier, weil sie einfach wissen, dass da sehr viel Wert auf alle "Sekundärtugenden" gelegt wird und man da auch im Regelfall erwarten kann, dass das dann auch in der Ausbildung problemlos läuft.

Ich bin an dieser Schule so glücklich, dass ich mir im Moment überhaupt nicht vorstellen kann, da irgendwann mal vielleicht zu kündigen. Dass ich woanders vielleicht in 2 1/2 Jahren Beamtin auf Lebenszeit gewesen wäre, interessiert mich nicht mehr. Ich denke auch ernsthaft darüber nach, dass ich mich, wenn wir hier einmal wegziehen müssen, auch woanders lieber an einer Privatschule bewerben würde als an eine staatliche Schule zu gehen. Man hat schon sehr viele Vorteile an Privatschulen, und die Ausübung des Berufs ist deutlich angenehmer. Man wird nicht so schnell "abgenutzt".

Auch wenn ich jetzt das Hohenlied auf die Privatschulen gesungen habe, bin ich natürlich keinesfalls der Meinung, dass es grundsätzlich an jeder staatlichen Schule drunter und drüber geht und dort ausschließtlich Anarchie herrscht, ganz sicher nicht. Es kommt auch an Privatschulen natürlich immer mal wieder zu irgendwelchen Vorfällen, auch dort werden Hausaufgaben oder Materialien vergessen, auch dort muss man klare Grenzen ziehen, auch dort hat man keine Engel vor sich sitzen. Aber die Summe der Negativerlebnisse im Beruf scheint mir insgesamt und gerade auf Dauer betrachtet deutlich geringer zu sein als an staatlichen Schulen, so dass ich davon ausgehe, dass man dort länger gesundheitlich unbeschadet unterrichten kann.
kakaotrinkerin
 

Beitragvon AnnieL » 14.06.2008, 12:14:03

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Beitragvon kakaotrinkerin » 14.06.2008, 13:59:20

Eine Tendenz zur "Problemdeckelung" kann ich zumindest an meiner Schule nicht erkennen. Eigentlich haben wir da eher das Gegenteil: Sobald sich irgendwelche massiveren Probleme abzeichen, wird das Gespräch gesucht, werden die Eltern einbezogen, Kollegen informiert usw.

Und natürlich werden an kath. Schulen nicht ausschließlich christliche Gutmenschen herangezogen. Ich weiß auch sehr wohl, dass sehr viele Eltern nicht wirklich hinter den christlichen Zielen der Schule stehen, die Schule aber trotzdem sehr favorisieren, weil dort ihren Kindern eben wirklich beigebracht wird, sich zu benehmen usw.
kakaotrinkerin
 

Beitragvon AnnieL » 14.06.2008, 14:19:00

abc
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AnnieL
 

Beitragvon kakaotrinkerin » 14.06.2008, 15:04:33

Gerade aber wenn man selbst kein anderes Schulsystem kennengelernt hat, selbst Schülerin einer PS war und auch dort Ref gemacht hat, halte ich es für etwas gewagt, den Privatschulen eine Tendenz zur Problemdeckelung anzulasten.

Das Problem, dass man Konflikte unter den Teppich geht, ist sicherlich ein großes Problem im Schulleben, es ist aber sicherlich kein Problem der Privatschulen bzw. kein Problem, was dort in höherem Maße auftreten würde.
kakaotrinkerin
 

Beitragvon AnnieL » 14.06.2008, 15:19:57

abc
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AnnieL
 

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