Keine besondere fachliche Kompetenz notwendig?

Habt ihr Fragen speziell an Ehemalige? Einige Junglehrer, die auch in der Referendarsbetreuung tätig sind, versuchen euch zu helfen.

Re: Keine besondere fachliche Kompetenz notwendig?

Beitragvon Jméno » 05.09.2017, 10:06:16

MarlboroMan84 hat geschrieben:Das ist, meiner Meinung nach, eine der schrägsten Argumentationen, die ich jemals gehört habe.


Dem schließe ich mich an, weil die Argumentation von sabisteb viel zu viel außer Acht lässt:

Erstens müsste die nicht perfekte Lehrkraft ja auf exakt jenem winzigen Wissenspunkt sein, an dem sie zwar imstande ist, die Inhalte korrekt zu verstehen, aber andererseits Hilfe zurate ziehen müsste. Wer garantiert, dass da nicht auch falsche Schlüsse gezogen werden, weil sie eben doch noch ein Stückchen schlechter ist, als sie sich selbst einschätzt?

Zweitens geht sabisteb davon aus: Was die nicht perfekte Lehrkraft nicht versteht, ist auch exakt die Schwäche der SuS. Was aber, wenn die Schwäche der Lehrkraft in grammatischen Konstruktionen liegt, der nicht perfekte Schüler aber ein Grammatik-As mit Lücken im Vokabular ist?

Drittens: Wie soll eine mehr oder weniger im fachlichen Nebel stehende Lehrkraft überhaupt entscheiden, welches Grundlagenwissen, welche Erkenntnisse für einen späteren Zeitpunkt wichtig sind?

Und viertens: Nichts, wirklich gar nichts ruiniert die Stellung einer Lehrkraft stärker und nachhaltiger als der Respektsverlust der Lerngruppe, weil sie merkt, dass sie im Durchschnitt mehr weiß als die Person vorne am Pult. Letzteres hatte ich mit einer fachlich miserablen Lateinerin in meinem Latein-LK; nachdem SuS sie immer wieder auf fundamentale Fehler hinweisen mussten, musste sie leider den Kurs verlassen.


steve63 hat geschrieben:Ich denke eher man will sich damit wichtig machen.

Dieses grundsätzliche Abwesenheit von Großbuchstaben ist doch eher ein Internetspleen, der vor rund zehn Jahren mal relativ verbreitet war. Heute ist es wohl eher ein Zeichen von entweder Gewohnheit oder Faulheit (juchu, ich spare einen Tastendruck pro Substantiv! :mrgreen: ) als ein Versuch, herausstechen zu wollen.
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Re: Keine besondere fachliche Kompetenz notwendig?

Beitragvon Montecruz » 07.09.2017, 17:25:08

svenhein hat geschrieben:Er ist ein sehr guter Freund den ich schon sehr lange kenne (>25 Jahre).


Vorbemerkung: Dein Verständnis von Freundschaft möchte ich lieber nicht reflektieren.

Zur Ausgangsfrage.

a) EIn Studium geschafft zu haben bedeutet, dass man gewisse (Minimal-)Anforderungen erfüllt hat. Die Bandbreite der fachlichen Qualität der Studenten ist sehr groß, ebenso wie die Ausprägungen an Engagement. Es ist durchaus möglich, ein Studium zu schaffen, aber wenig fachliche Breite zu haben, weil man sich z.B. auf ein Thema spezialisiert hat und das mehr oder weniger immer wieder eingebracht hat, um einen Leistungsnachweis zu erwerben... oder wenig Tiefe zu haben, weil man von allen Themen gerade genug gelernt hat, um den Leistungsnachweis (Klausur, Hausarbeit...) zu bekommen... oder beides. Übrigens kann auch nicht jeder schnell reden oder ist schlagfertig. Diese Person kann aber trotzdem fachlich kompetent sein. Dies lässt sich nicht immer so einfach sagen. Allerdings glaube ich, dass du die betreffende Person schon einschätzen kannst.

b) Der Lehrerberuf setzt nicht in erster Linie fachliche Kompetenz oder gar Brillianz voraus, solange man nur 10% besser ist als der beste Schüler im Raum. Wichtig sind Fleiß und Beharrlichkeit, Belastbarkeit und Stressresistenz, Freundlichkeit und Kollegialität, Empathie und Kommunikationsfähigkeit verbunden mit einer gewissen schülerfreundlichen Art (Verständnis für junge Menschen) sowie der entschiedene Wille, den Anweisungen des Schulleiters bzw. im Referendariat auch den Hinweisen der Fachleiter Folge zu leisten (möglicherweise habe ich hier auch noch ein paar Dinge vergessen). Erst dann kommt fachliche Kompetenz. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass die betreffende Schule die genannte Person deswegen haben wil, weil er viele dieser Eigenschaften mitbringt.

sabisteb hat geschrieben:Es kommt auch nicht wirklich auf das Fachwissen an, zumindest nicht in Bio. Was da unterrichtet wird... Da braucht man teilweise nicht mal ein Studium zu (bis auf Oberstufe vielleicht).


Das ist auch meine Beobachtung. Mathe bis zur 10. Klasse an einer Sekundarschule/Stadtteilschule/Gemeinschaftsschule könnte m.E., soweit es das Fachliche angeht, jeder gute Abiturient unterrichten. Das habe ich schon als Zweitsemester in einem sozialwissenschaftlichen Studienfach vor vielen Jahren meinen Nachhilfeschülern nachhaltiger und besser erklärt als deren Lehrer.

sabisteb hat geschrieben:Meiner aktuellen Erfahrung nach, tun sich Referendare, die fachlich nicht so "gut" sind, mit der didaktischen Reduktion einfacher und verstehen die Schwierigkeiten ihrer Schüler besser.


Das ist eine interessante Beobachtung. Deine Erklärung verstehe ich so: Der "normal begabte" Referendar sieht schneller das Wesentliche, sein "hochbegabter" Kollege sieht viele Aspekte des Themas und weiß nicht, was für den Schüler jetzt das Relevante ist. Ggf. ist auch der "normal begabte" Referendar aufgrund seiner Hobbies, Interessen usw. näher an den Schülern als der "hochbegabte" und daher ist das Lehrer-Schüler-Verhältnis besser. Das könnte auch ein Aspekt sein. Das ist aber nur Spekulation meinerseits.

LG
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Re: Keine besondere fachliche Kompetenz notwendig?

Beitragvon Kapartia » 07.09.2017, 21:27:21

Ich kenne Deutschstudenten/Referendare/Lehrer mit einer LRS.

Bzw. auch Studenten der Philosophie/Sprachen/Geisteswissenschaften, die maximal 10 Bücher im Schrank haben und sonst nicht wirklich belesen sind.

Gewöhn dich dran, dass es sowas gibt, ist traurig, aber gehört dazu
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Re: Keine besondere fachliche Kompetenz notwendig?

Beitragvon svenhein » 08.09.2017, 11:31:53

Montecruz hat geschrieben:
svenhein hat geschrieben:Er ist ein sehr guter Freund den ich schon sehr lange kenne (>25 Jahre).


Vorbemerkung: Dein Verständnis von Freundschaft möchte ich lieber nicht reflektieren.

Was genau ist an meinem Verständnis von Freundschaft ungewöhnlich oder seltsam?
(Nach deiner Aussage hätte ich dazu eine Erklärung verdient)

Ich hatte eine gewisse Vorstellung was den Beruf (und vor allem das Fachwissen) eines durchschnittlichen Lehrers angeht.
(Er ist ja noch kein praktizierender Lehrer!)
Diese Vorstellung stammt noch aus meiner eigenen Zeit als Schüler.

Ich dachte ein Lehrer beherrscht zwingend mindestens das Grund- und Allgemeinwissen (seines eigenen Faches, schon alleine wegen des eigenen Anspruchs. Immerhin muss es ja einen Grundlage für so manche Überheblichkeit geben...)

Ich habe hier auf eine gewisse Art der Zustimmung (durch andere Lehrer) gehofft.
Stattdessen stoße ich (nicht ausnahmslos aber doch überwiegend) auf das Gegenteil:

"Man müsse so etwas nicht wissen", "10% mehr als der beste Schüler sind genug", "Bis Klasse 10 könnte jeder Abiturient unterrichten", "Es komme auf ganz andere Dinge an".

Vor allem: "Bis Klasse 10 könnte jeder Abiturient unterrichten":
Diese Aussage erschreckt mich sehr, da die meisten unserer Praktikanten gerade ihr Abitur haben.
Dann zu meinen die könnten auch bis Klasse 10 unterrichten?!?!
Das ist (leider wohl typisch) überheblich.

Ich würde niemals auf die Idee kommen, z.B Deutsch auf Lehramt zu studieren, wenn
ich nicht wirklich ein absolutes As (Ass) in Deutsch wäre. Wenn ich keine Angst hätte, mich jederzeit mit einem guten Schüler (in meinem Fach) zu messen.

Nur 10% besser (als der beste Schüler) wäre für meinen eigenen Anspruch viel zu wenig.
Ich kann nur hoffen, dass das für die meisten Lehrer ebenso gilt.

Gruß
Sven
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Re: Keine besondere fachliche Kompetenz notwendig?

Beitragvon kecks » 08.09.2017, 12:04:41

ja, das sehen die allermeisten lehrer ebenso, zumindest habe ich an einem bayerischen gymnasium noch keine andere mehrheitshaltung erlebt. und die, die das nicht so sehen, waren ausschließlich leute, die dann auch sachen sagen wie "ich habe mein studium hier in der schule nie mehr gebraucht". ja gut, danke, keine weiteren fragen. andere brauchen ihr studium jeden tag, ich persönlich brauche es fast jede minute in der schule.

wie gesagt spiegelt sich das auch in den noten der betreffenden in den examina. wenn man die inhalte nicht verstanden, sondern nur auswendig gelernt und dann in der prüfung hingepinselt/aufgesagt hat, dann ist das halt das traurige ergebnis. bildung geht anders, als lernender wie als lehrer. man lese humboldt und ein aktuelles handbuch einer beliebigen didaktik.
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Re: Keine besondere fachliche Kompetenz notwendig?

Beitragvon BlackandGold » 11.09.2017, 17:12:37

svenhein hat geschrieben:Ich würde niemals auf die Idee kommen, z.B Deutsch auf Lehramt zu studieren, wenn
ich nicht wirklich ein absolutes As (Ass) in Deutsch wäre. Wenn ich keine Angst hätte, mich jederzeit mit einem guten Schüler (in meinem Fach) zu messen.


Ich hatte keine besonders tolle Mathenote im Abitur und nur Bio in der Oberstufe. Studiert habe ich Physik und Chemie. Mein Abiturschnitt war übrigens ne schlechte 3.
Insofern kann man deiner Aussage einfach nicht zustimmen. Man muss kein Supergenie sein, um ein Fach zu studieren...

Im Gegenteil übrigens: Die Studenten bei mir, denen man eine hohe Intelligenz anmerkt, haben häufig große Startschwierigkeiten, weil sie in der Schule nie gelernt haben, zu lernen.
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Re: Keine besondere fachliche Kompetenz notwendig?

Beitragvon Kantakou » 02.10.2017, 22:37:34

Grundsätzlich sind die Inhalte im Lehramtsstudium Deutsch andere, als das, was man an der Schule braucht. Ich würde von mir sagen, dass das, was ich in Deutsch an Grammatik kann, eher daher kommt, was ich in der Schule selbst mal gelernt hab und was ich beim Latinum machen gelernt hab, als direkt von den Germanstik-Studien. Ist in Mathe ja ähnlich: an der Uni rechnet man nicht mehr, sondern befasst sich mit irgendwelchem tiefgründigen theoretischen Kram, den man in der Schule so in der Form nicht braucht (jedenfalls nicht 1 zu 1 sichtbar für die Schüler).

Ich finde aber, dass man das wissenschaftliche Arbeiten braucht, um im Ref gut zurechtzukommen. Also die Fähigkeit, schnell Informationen zu verarbeiten z.B. und diese neu zusammenzustellen.

Beim Studium lernt man halt eher nicht diese auswendig zu lernenden Dinge, ich kann z.B. in Geschichte auch nicht alle Daten auswendig. Aber ich kann auf ziemlich hohem Niveau Schlüsse ziehen, Vorgänge analysieren und vergleichen, Quellen übersetzen, ganz ausgewählte Inhalte bis ins Detail auseinandernehmen etc.. und ab und zu muss man das im Unterricht bei 30 wuseligen Schülern halt auch mal eben schnell machen können. Da hilft es einem dann nicht viel, wenn man alles auswendig runterbeten kann, sondern man muss z.B. aus dem, was Schüler A, B und C sagen irgendwas zusammenfassen können was man dann für alle an die Tafel schreiben kann etc.

Ich würd also auch sagen, man braucht das Studium schon in der Schule aber das ist halt nicht mehr das, was Leute denken, was man so wissen muss, die nur eine Schule besucht, aber dann gar nicht studiert oder was völlig anderes studiert haben. Wie groß der Erddurchmesser ist, kann man wissen (irgendwas um die 6000 km?), kann man aber auch wenn mans braucht in 2 Sekunden googeln, daher muss man das heutzutage nicht ständig wissen. Auch nicht als Erdkundelehrer. ;)
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