Keine besondere fachliche Kompetenz notwendig?

Habt ihr Fragen speziell an Ehemalige? Einige Junglehrer, die auch in der Referendarsbetreuung tätig sind, versuchen euch zu helfen.

Re: Keine besondere fachliche Kompetenz notwendig?

Beitragvon Drops » 04.09.2017, 16:44:50

Durchs Studium kommt man ohne großartige Grammatikkenntnisse, auch Zeichensetzung steht nicht im Vordergrund. Im Studium gelten andere Dinge - jedenfalls war es auf Staatsexamen so.

Kommt man ohne fachliche Kenntnisse durchs Ref? Eigentlich nicht. Aber an manchen Seminaren eben doch. Im Kollegium an der Ausbildungsschule wird's dann schwierig bis unangenehm, aber wer soll es an einer neuen Schule wissen? Auf die Meinung der SuS wird nicht (von jedem) viel gegeben, insofern wartet man im Zweifelsfalle lieber ab.
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Re: Keine besondere fachliche Kompetenz notwendig?

Beitragvon sabisteb » 04.09.2017, 17:51:19

Meiner aktuellen Erfahrung nach, tun sich Referendare, die fachlich nicht so "gut" sind, mit der didaktischen Reduktion einfacher und verstehen die Schwierigkeiten ihrer Schüler besser. Es kommt auch nicht wirklich auf das Fachwissen an, zumindest nicht in Bio. Was da unterrichtet wird... Da braucht man teilweise nicht mal ein Studium zu (bis auf Oberstufe vielleicht).
Als Lehrer kommt es auf ganz andere Fähigkeiten an, und die hat er wohl.
Als Beispiel. Ich habe mit einer Mitreferendarin einen Text für Englisch Klasse 13 vorbereitet. Mir fehlten keine Vokabeln, ich fand ihn einfach. Sie musste so einiges nachschlagen und kam mit einigen Satzkonstruktionen nicht klar. War für mich super, so wusste ich, was den SuS auf jeden Fall fehlen wird. Sie hat es somit einfacher, die Vokabellisten zusammenzustellen und weiß, wo man Texte vereinfachen muss.
Fachliche Kompetenz bringt einem absolut nichts im Lehramt ohne Lehrerinstinkt und Begabung (sag ich mal aus leidvoller Erfahrung. Am Fachlichen liegt es bei mir definitiv nicht). Dein Kommilitone ist näher an der Welt der SuS und versteht sie besser, eben weil er diese Dinge, die Du anmängelst, vorher selber noch mal anschauen muss, und weiß, wo sie daher auch Probleme haben werden.
Eine der besten Referendarinnen an meinem Seminar ist in einem ihrer Fächer beim 1. Staatsex erst einmal durchgefallen.
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Re: Keine besondere fachliche Kompetenz notwendig?

Beitragvon kecks » 04.09.2017, 17:58:13

?? war bei uns genau umgekehrt. wie will jemand sauber reduzieren, der den inhalt selbst kaum verstanden hat? fachlich schlechte refis sind bei uns auch in methodischen und fachdiaktischen fragen i.a. völlig überfordert und vor allem sehen sie oft nicht, wo ihre defizite liegen, da sie tatsächlich die kritikpunkte mangels fachkompetenz nicht nachvollziehen können. heilung der kognitiven dissonanz ("ich werde kritisiert, obwohl ich selber keine fehler sehe!") durch "mein betreuungslehrer will mir böse/mag mich nicht." übel... für beide seiten. und für die schüler auch.
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Re: Keine besondere fachliche Kompetenz notwendig?

Beitragvon Jméno » 04.09.2017, 17:58:29

svenhein hat geschrieben:Wann genau muss denn ein [werdender] Deutsch-Lehrer in seiner Laufbahn, zwingend z.b Kommaregeln, Grammatik oder Rechtschreibung beherrschen?


Hängt von der Universität ab. Als ich Student war, wurde an meiner Uni der Kurs „Deutsche Grammatik für angehende Deutschlehrer“ geschaffen; ich kannte eine der Tutorinnen dieses Kurses aus der Niederlandistik. Ihr Bericht von der ersten Stunde war legendär…

Prof schreibt den Satz Der Mann saß im Sessel an die Tafel.
Prof: „Bestimmen Sie bitte das Verb.“
Student: „Ja… äh… hmmm… also… ‚saß‘?!“
Prof: „Genau. Bestimmen Sie mir das bitte mal.“
Student: „Wie?“
Prof: „Nun, nach Kategorien wie Person, Tempus und dergleichen.“
Student: „Ach so! Ja… hmmm… Vergangenheit halt.“
Prof schreibt den Satz Der Mann hat im Sessel gesessen unter das erste Beispiel.
Prof: „Bestimmen Sie bitte hier das Verb.“
Student: „‚Hat gesessen‘.“
Prof: „Ja.“
Student: „Das ist auch Vergangenheit.“

Damit war der Arme sicherlich ein Extrembeispiel, aber solange Deutschunterricht daraus bestehen kann, jedes Jahr mit einer Fünf „Elfchen“ zu schreiben, Mandalas kreativ auszumalen und dann mit unterschiedlichen Stimmen („hoch“, „aufgeregt“, „piepsend“, „lispelnd“…) Texte vorzulesen – was leider alles Erfahrungen sind und blöderweise keine Vorurteile – reicht das ja. Leider.


PS: Ich weiß, dass es in jedem Fach Vollnieten gibt. Bloß ist Rechtschreibung eine so essenzielle Grundfertigkeit für alle Fächer, dass es eben (gefühlt?) viel schlimmer ist als die Chemielehrerin, die von „Spülmittelatomen“ spricht (ja, auch das Erfahrung).
…он је метафора, начин живота, угао гледања на ствари!
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Re: Keine besondere fachliche Kompetenz notwendig?

Beitragvon kecks » 04.09.2017, 18:12:26

...gruselig. ich entsinne mich mit beinahe wohligem schauer einer lehrprobe in deutsch in der oberstufe, deren lernziel war, standbilder zu bauen, damit man standbilder baut. und in der gruppe kooperiert. völliges unverständnis ob des resultierenden 'mangelhaft' - diese methode sei doch in einer vorstunde gelobt worden! und der text sei im lehrplan für die oberstufe vorgegeben, ergo könne das ja gar kein "fehlen gymnasialen anspruchs" sein. was soll man da noch reparieren?
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Re: Keine besondere fachliche Kompetenz notwendig?

Beitragvon MarlboroMan84 » 04.09.2017, 19:27:52

sabisteb hat geschrieben:Meiner aktuellen Erfahrung nach, tun sich Referendare, die fachlich nicht so "gut" sind, mit der didaktischen Reduktion einfacher und verstehen die Schwierigkeiten ihrer Schüler besser. Es kommt auch nicht wirklich auf das Fachwissen an, zumindest nicht in Bio. Was da unterrichtet wird... Da braucht man teilweise nicht mal ein Studium zu (bis auf Oberstufe vielleicht).
Als Lehrer kommt es auf ganz andere Fähigkeiten an, und die hat er wohl.
Als Beispiel. Ich habe mit einer Mitreferendarin einen Text für Englisch Klasse 13 vorbereitet. Mir fehlten keine Vokabeln, ich fand ihn einfach. Sie musste so einiges nachschlagen und kam mit einigen Satzkonstruktionen nicht klar. War für mich super, so wusste ich, was den SuS auf jeden Fall fehlen wird. Sie hat es somit einfacher, die Vokabellisten zusammenzustellen und weiß, wo man Texte vereinfachen muss.
Fachliche Kompetenz bringt einem absolut nichts im Lehramt ohne Lehrerinstinkt und Begabung (sag ich mal aus leidvoller Erfahrung. Am Fachlichen liegt es bei mir definitiv nicht). Dein Kommilitone ist näher an der Welt der SuS und versteht sie besser, eben weil er diese Dinge, die Du anmängelst, vorher selber noch mal anschauen muss, und weiß, wo sie daher auch Probleme haben werden.
Eine der besten Referendarinnen an meinem Seminar ist in einem ihrer Fächer beim 1. Staatsex erst einmal durchgefallen.




Das ist, meiner Meinung nach, eine der schrägsten Argumentationen, die ich jemals gehört habe.

Leute, die fachlich nicht so gut drauf sind, sind bessere Lehrer, weil sie sich besser in die Schüler reinversetzen können?

Was ein absurder Schwachsinn, sorry.
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Re: Keine besondere fachliche Kompetenz notwendig?

Beitragvon steve63 » 04.09.2017, 21:28:57

MarlboroMan84 hat geschrieben:Abwarten. Ansonsten gibt es auch hier im Forum z.B. Deutschlehrer, die in diesem Forum konsequent klein schreiben. Wobei ich da auch Zweifel an der fachlichen Kompetenz habe.
Ich denke eher man will sich damit wichtig machen.

(Ich bin davon überzeugt, dass besagte/r user mit wenig Mehraufwand auch die richtige Groß-und Kleinschreibung hinbekommen würden.)

Dass dieses Geschreibsel schwer zu lesen ist, ist denen auch völlig egal. Hauptsache ich steche aus der Masse raus!!
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