Handfeste Depression und Persönlichkeitsstörung

Du hast positive Erfahrungen mit dem Referendariat? Du hast es endlich geschafft und weißt nun, dass sich das Durchhalten gelohnt hat? Erzähl davon!

Re: Handfeste Depression und Persönlichkeitsstörung

Beitragvon wurstgesicht » 15.12.2015, 18:25:48

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Re: Handfeste Depression und Persönlichkeitsstörung

Beitragvon Zitronenfalter » 15.12.2015, 18:58:14

Kannst Du das Seminar nennen, ohne Dich zu outen? Würde mich mal interessieren.

Gruß
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Re: Handfeste Depression und Persönlichkeitsstörung

Beitragvon Schnattchen » 16.12.2015, 15:44:12

Hallo,

ich kann Euch solche Belege gerne aus meinem Seminar nennen. Ich bin zum ersten Mal durch die zweite Staatsprüfung wegen meinen schlechten Lehrproben gefallen und hatte auch Probleme an der Einsatzschule mit einigen Betreuungslehrern, die von mir genau das Gegenteil verlangten, wie meine Seminarlehrer und ich dann schon gar nicht mehr wusste, wie ich jetzt überhaupt unterrichten soll...

Also dachte ich mir jetzt vor einigen Wochen. "Hey, schau Dir doch mal den Unterricht Deines Seminarlehrers an und hospitiere mal bei ihm, dann siehst Du, was guter Unterricht ist." Habe mir auch einen Beobachtungsbogen mitgebracht und mir mal angeschaut, wie er so mit den Schülern klar kommt etc. Ich war SCHOCKIERT!

Er kam erstmal 5 Minuten zu spät zum Unterricht- kann vorkommen, aber er stand die ganze Zeit außen vor der Tür und ist auf und ab gelaufen.

Uns Referendaren wirft er regelmäßig vor, wir hätten zu wenig Schüleraktivierung. Die Schüler haben in seiner Stunde nichts getan, außer aufzupassen und später einen Hefteintrag zu schreiben.

Er ging niemals in die Klasse hinein, sondern stand die ganze Zeit vorne, selbst beim Erzählen. (Wirft er uns gerne vor.)

Bei der Besprechung einer Gruppenarbeit von letzter Stunde ließt ER einfach die Ergebnisse vor. (Das hätte auch ein Schüler machen können, oder?)

Und zur Sicherung DIKTIERT er vorne die Musterlösung einer Aufgabe (Mathematik). Keine Überschrift, kein Datum, kein Platzbedarf für die Schüler. (Gehört aber alles für ihn zu gutem Unterricht)

Uns hat er dringend ans Herz gelegt, möglichst wenig Hefteinträge zu machen und _keine_ Diktierorgien. Zusätzlich läuft er vorne vor der Tafel ständig hin und her. Dann teilt er für die nächste Stunde eine Gruppenarbeit aus, die aus einer Aufgabe besteht, die er wohl aus irgendeinem Buch abgetippt hat, keine optische Aufmachung, nichts.

In der nächsten Stunde durfte ich die Aufsicht über die GA übernehmen. Die Mehrheit der Schüler verstand die Aufgabenstellung nicht. Hier muss dazu gesagt werden, dass über diese 9. Klasse geklagt wird, dass einige Schüler schlechte Lesekompetenzen haben. In der Aufgabenstellung kam die Aufgabe a), dann ein ewiges Geplänkel zu einem Kontext über 5 Zeilen und dann die Aufgabe b) Erst unterhalb dieses Absatzes verwies ein Pronomen darauf, dass die Funktionsgleichungen aus Aufgabe a) zu verwenden sind. Bei einer Klasse, die schlecht ließt, sollte man eigentlich auf solche Textreferenzen verzichten, bei denen über die Hälfte der Klasse nicht herausfindet, auf was sie sich beziehen.

In Englisch habe ich einen total netten Betreuungslehrer, der es auch super versteht, mich zu motivieren und der auch meint, mein Unterricht sei ganz gut. Dann habe ich ihn mal gefragt, wo ich solch einen Unterricht sehen könnte, der sehr schüleraktivierend ist, niedrige Sprechzeit beim Lehrer und wahnsinnig kommunikativ und schülerzentriert. Er hat mich angeschaut und hat gemeint: Den Unterricht gibt es nicht. Er bemüht sich, dass seine Schüler was bei ihm lernen und dass sie und er Spaß am Unterricht haben, damit ist er zufrieden. Und er macht echt guten Unterricht, der auch machbar ist.

Ich bin leider jemand, der sehr viel anhand von Beispielen lernt, daher bräuchte ich eben für den "guten " Unterricht konkrete Beispiele, die ich dann sehen kann. Leider hat mir mein Betreuungslehrer gesagt, dass dies wohl utopisch sei. :-(
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Re: Handfeste Depression und Persönlichkeitsstörung

Beitragvon Illi-Noize » 16.12.2015, 22:53:14

Schnattchen hat geschrieben:Ich bin leider jemand, der sehr viel anhand von Beispielen lernt, daher bräuchte ich eben für den "guten " Unterricht konkrete Beispiele, die ich dann sehen kann. Leider hat mir mein Betreuungslehrer gesagt, dass dies wohl utopisch sei. :-(

Vielleicht solltest Du mal bei einem (guten) Nebenfachlehrer hospitieren (Geschichte, Wirtschaft, Erdkunde usw.). In Wirschaft / Recht und Sozialkunde bin ich auch viel "schüleraktivierender" als in Mathe - dort besteht die meiste Aktivierung in langen Übungsphasen, die einen Großteil der Stunde einnehmen. Vielleicht findest Du einen Nebenfachler, der Dir eine schöne Gruppenarbeit, Gallery Walk und die ganzen Späße mal zeigen kann. Ich übertreibe es da nicht, aber gerade Gruppen- und Partnerarbeiten sind da doch recht regelmäßig bei mir drin. Dauert zwar ewig zum Erstellen, aber irgendwann hat man mal einen schönen Fundes.

In Mathe und Rechnungswesen sind bei mir Gruppenarbeiten bis auf eine Stunde in der 5. Klasse durchgehend nicht vorhanden, da aus meiner Sicht ziemlich sinnlos und zeitfressend. Ich lasse lieber einen Schüler vorne rechnen, und flitze dann durch die Reihen um Schülern zu helfen. Gute und schnelle Schüler werden dann von mir zu "Co-Trainern" ernannt, die dann ebenfalls als Helfer zur Verfügung stehen. Bin jetzt im 6. Jahr auf einer Planstelle, und dieses Vorgehen klappt eigentlich in der Regel ziemlich gut bei mir und ich werde da auch nichts ändern, da die Kritik von allen Seiten ok ist. Lob bekommt man eh fast keins ;-)
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Re: Handfeste Depression und Persönlichkeitsstörung

Beitragvon Jméno » 17.12.2015, 15:55:08

Schnattchen hat geschrieben:[…] Dann habe ich ihn mal gefragt, wo ich solch einen Unterricht sehen könnte, der sehr schüleraktivierend ist, niedrige Sprechzeit beim Lehrer und wahnsinnig kommunikativ und schülerzentriert. Er hat mich angeschaut und hat gemeint: Den Unterricht gibt es nicht.

Ich verstehe ehrlicherweise nicht ganz, was das Problem daran ist, dass es universelle Maßstäbe gibt, die eben sehr hoch hängen. So hoch, dass wir Lehrkräfte realistischerweise im Unterrichtsalltag (volle Stelle, Korrekturlast, vielleicht noch Ansätze eines Privatlebens) nicht daran rühren, uns aber immerhin konsequent in diese Richtung orientieren und uns bemühen, diesem Optimum beständig so nahe zu kommen wie möglich.

Was dann im Alltag der goldene Weg ist, hängt von unzähligen Faktoren ab: ganz fundamental von Fähigkeiten und Motivation der Lerngruppe. Vom Fach und den entsprechenden Besonderheiten – wie Illi-Noize das vollkommen zutreffend beschrieben hat! Von den Ansprüchen des Lehrplanes und dem Zeitmanagement der Lerngruppe bzw. Schule. Darum haben Lehrkräfte mit entsprechender Erfahrung eben auch die Wahl, Dinge mal nicht schülerzentriert zu machen. Das macht Unterricht nicht per se schlecht. Und das ist ebenso wenig automatisch ein Grund, gleich „SCHOCKIERT“ zu sein.

Um mal ein plakatives Beispiel zu bringen: Latein, Jahrgang 10 (Gymnasium, G8), d.h. letztes Jahr, bevor die SuS das Fach abwählen können, vieles schiefgegangen in den vergangenen Jahren, elementarste Basics fehlen – ebenso die Motivation, dies mühsam aufzuarbeiten. Man kann ja eh in 9, 8, 7… Monaten abwählen. Dort sorge ich nur noch für Mindeststandards inhaltlicher Art und kümmere mich ansonsten darum, die Lerngruppe ohne Verlust meines Altsprachler-Reststolzes zu einem würdigen Ende ihrer Lateinlaufbahn zu bringen. Was ich da halte, sind durch die Bank keine tollen Stunden. Und ich bin sicher, dass reihenweise Praktikanten und Referendare „SCHOCKIERT“ sein können – zumal ebenjene auch tatsächlich bei mir Schlange stehen, schließlich bin ich zwar kein Ausbilder, aber doch für meinen Unterricht ausgezeichnet worden.
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Re: Handfeste Depression und Persönlichkeitsstörung

Beitragvon teacher_a » 20.12.2015, 21:09:10

Ich glaube auch nicht, dass ein erfahrener Lehrer ständig durch die Reihen laufen muss während Übungsphasen. Nach ein paar Jahren hat man es im Gefühl, wo und wann eingegriffen werden muss. Ein Referendar sollte schon mehr Präsenz zeigen. Leider verstecken sich da viele am Pult und merken so nicht, wenn es irgendwo Probleme gibt.

In Mathe habe ich oft keine bebilderten Arbeitsblätter. Es kann auch gern aus einem Buch eine Aufgabe sein, aber meistens anders aufgegliedert oder formuliert, dass es besser zum Stoff passt und möglichst alleine lösbar wird für die Schüler. In der gymnasialen Oberstufe habe ich mindestens jede zweite Woche Gruppenarbeiten oder Partnerarbeiten in entsprechenden Klassen. Gerade als Einstieg in ein Thema ist es nett etwas zum Knobeln zu erstellen. Man muss die Klasse dafür gut kennen um sie nicht zu überfordern und oft auch die Gruppen passend zusammensetzen. Aktuell in der 13. kommen meine Schüler auf die tollsten Lösungen und haben super Ideen. Da lohnt es sich, so ein Arbeitsblatt zu erstellen. Weil die Schüler gern in Gruppen arbeiten (und es da manchmal langsamer voran geht als frontal), bekommen sie eben etwas mehr Hausaufgaben. Lösungen ausgeteilt habe ich auch schon sehr oft, gerade in Mathe geht es um präzise Formulierungen, das muss fachsprachlich korrekt sein. Und Schüler wollen ja auch fürs Abi wissen, wie es korrekt formuliert werden muss.

Was mir noch einfällt: Seminarleiter und Mentoren reagieren allergisch darauf, wenn sich der Referendar in seinem Fach nicht auskennt, keine Begeisterung mitbringt. Das merkt man dem Referendar einfach an. Und ein angehender Mathe-Lehrer, der z.B. bei Koordinatenachsen im Entwurf auch ins Negative Pfeile zeichnet wäre bei mir schon durchgefallen bevor er angefangen hat mit dem Unterricht.
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Re: Handfeste Depression und Persönlichkeitsstörung

Beitragvon cobalt8 » 06.02.2016, 13:35:52

teacher_a hat geschrieben: Und ein angehender Mathe-Lehrer, der z.B. bei Koordinatenachsen im Entwurf auch ins Negative Pfeile zeichnet wäre bei mir schon durchgefallen bevor er angefangen hat mit dem Unterricht.


Bei angehenden, finde ich kann sowas passieren, die kann man ja dann darauf hinweisen und in der Regel wird das auch dankbar aufgenommen.

Schlimm fand ich als damaliger Referendar, dass teilweise gestandene Lehrer die Begriffe "ausmultiplizieren" und "ausklammern" nicht richtig zuordnen können. Es gibt eine ganze Reihe von Lehrern, die seit Jahrzehnten der Meinung sind, dass beim Ausklammern eine Klammer wegkommt, weil es nun einmal vom Wort her so klingt.
Aber trotzdem, ist aus den Schülern nicht weniger geworden, als aus allen anderen Schülern auch.

Schlimmer und bedenklicher finde ich da schon eher das Aufgabenraten in manchen Büchern und von manchen jüngeren Lehrern in meinem Alter. "Brigitte kauft sich 3 Äpfel für je 30 Cent, sie hat von ihrer Mutter einen 10€-Schein bekommen." Ich persönlich würde in einer Klassenarbeit als Schüler dahin schreiben: "Schön für Brigitte". Das mindeste, meiner Meinung nach, ist eine Aufgabenstellung nach dem Motto: "Überlege dir eine passende Aufgabenstellung und bearbeite diese."
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