Endlich oder leider schon fertig?

Du hast positive Erfahrungen mit dem Referendariat? Du hast es endlich geschafft und weißt nun, dass sich das Durchhalten gelohnt hat? Erzähl davon!

Endlich oder leider schon fertig?

Beitragvon Delundra » 02.11.2015, 19:55:47

Vorwort:
Ich weiß, dass es schon einige Threads gibt, die ziemlich ähnlich sind, aber anstatt meine Erfahrung dort hinten anzuhängen, eröffne ich nun einen eigenen, um den hohen Zahlen in der Rubrik "Leid und Frust" etwas entgegen zu stellen ;D


Kurzer Rückblick:

JA, es war zwischenzeitlich die Hölle und das ist noch verschönert. Ursächlich war nicht das Seminar, sondern mein Perfektionismus. Die Nächte waren sehr kurz, die Verzweiflung groß. Das Gefühl überfordert zu sein dominierte gerade zu Beginn des Bedarfsdeckenden Unterrichtes. Was die Fachleiter/innen von einem wollten, war in den ersten 2-3 Unterrichtsbesuchen auch nicht wirklich klar. Ich hatte schon Angst um meine psychische Gesundheit. Kurz: man war innerlich schon drauf und dran einen Plan B zu schmieden, den es, wenn man wirklich Lehrer/in werden will, im Grunde nicht gibt. Also habe ich mich an meine Kernseminarleitung gewandt, die aus der Bewertung raus ist. Eine der besten Neuerungen. Diese hat Couchings angeboten, die sind sogar verpflichtend. Die Ratschläge haben zwar nicht so viel genützt, aber eine Ansprechperson aus dem inneren Kreis zu haben hat mir echt Mut gemacht. Meine Mentorin war auch eine sehr, sehr, sehr geduldige Person, die mich wo sie konnte unterstützt hat. Wer hat mir aber am meisten geholfen? Die Schüler/innen! Ich bin in der schlimmen Phase im Grunde nur noch für die zur Schule gekommen. In recht kurzer Zeit habe ich mich zum Erstaunen aller an der Ausbildung Beteiligten berappelt und mich stetig immer weiter verbessert. Der Perfektionismus ist immernoch ziemlich hoch, aber immer häufiger konnte ich "gut" als "gut genug" gelten lassen. (Das hat im übrigen keinen negativen Einfluss auf die Note ;) ).


Die letzte Woche:

Seit zwei Tagen bin ich nun offiziell fertig! Endlich darf ich mir "Lehrerin" auf die Fahne schreiben. Die letzte Woche war sehr bewegend. Die Schüler/innen fingen schon Tage vorher an, mir bei jeder Gelegenheit Tschüss zu sagen, alsbald auch die Kollegen/innen, nicht weil sie froh waren, dass ich dann weg bin, sondern weil sie alle Sorge hatten, dass man sich evtl. vorher nicht mehr sieht. Als ich dann meine ganzen Sachen in der Schule zusammen suchte und mich von meinen Schüler/innen verabschiedet habe, da habe ich es auch nur so gerade noch ins Auto geschafft, bevor die Tränen liefen und ich bin weiß Gott kein weinerlicher Mensch. Aber dass es nicht mehr "meine!" Schüler/innen und Kollegen/innen sind, das war hart. Die Verabschiedung im Seminar fiel auch sehr wehmütig aus, alle drückten sich und teilten noch schnell die aktuellen Kontaktdaten aus, damit man sich auch ja noch erreichen kann in Zukunft.


Fazit:

Ich habe viele sehr liebe Menschen kennengelernt: Die Mit-Referendare/innen, die Kern- und Fachseminarleitung, die Kollegen/innen, die Mentoren/innen und nicht zuletzt die Schüler/innen. (Natürlich hat man auch mit manchen Meinungsverschiedenheiten und fühlt sich nicht so ganz gerecht behandelt, z.B. einem Fachleiter werde ich nicht nachweinen!). Im Nachhinein war man aber sich selbst eigentlich der einzige Feind und man hat sich das Leben an vielen Stellen schwerer gemacht, als es nötig gewesen wäre. Wäre es anders gewesen, wäre es wohl ein: "Gott sei Dank, ich bin fertig und da weg!", aber so ist ein "Oh nein, wo ist die Zeit hin?". Ich werde auf jeden Fall den Kontakt zum Mentor halten, auch um zu hören, was aus meinen Schüler/innen wird.

Ich wünsche jeder und jedem viel Kraft und vor allen Dingen Gelassenheit! Und nichtzuletzt viel Glück, dass sie / er auch auf so nette Menschen trifft. Die meisten sind doch daran interessiert, einen gut durch die Prüfungen zu bringen.


Kleiner Tipp am Rande:

Am besten funktioniert es, sich einen Tag pro Woche freizuhalten und dann raus, weg, Abwechslung (im schlimmsten Fall einen Nachmittag oder Abend, wenn es kurz vor der Prüfung ist). Klang am Anfang für mich unvorstellbar und man hat doch sowieso schon keine Zeit und wie soll man das denn alles machen, die haben gut Reden...... Macht es einfach! Es funktioniert und ein ausgeruhter Mensch macht besseren Unterricht als ein gut vorbereiteter, aber abgearbeiteter.
Delundra
 
Beiträge: 9
Registriert: 09.08.2014, 2:35:56

Re: Endlich oder leider schon fertig?

Beitragvon Feuerkopf » 02.11.2015, 20:10:18

Vielen Dank für diesen Beitrag :-) Ich muss mich derzeit auch von meinem Perfektionismus ein wenig verabschieden. Und mir geht es da wie dir: Ich bin mein schlimmster Feind und härtester Kritiker. Davon muss ich jetzt wieder weg. Und dann pack ich das auch! :-)
Feuerkopf
 
Beiträge: 96
Registriert: 25.10.2014, 11:36:19
Wohnort: NRW

Re: Endlich oder leider schon fertig?

Beitragvon Delundra » 04.11.2015, 8:22:30

Viel Erfolg dabei. Das liegt vielen Referendaren/innen und Lehrern/innen im Blut :D
Delundra
 
Beiträge: 9
Registriert: 09.08.2014, 2:35:56

Re: Endlich oder leider schon fertig?

Beitragvon EGePh » 16.10.2017, 17:41:57

Kann ich alles so unterschreiben ... Perfektionismus ist der Deckel zum eigenen Sarg in dem man letztlich aus Erschöpfung landet. Habe ihn aber bis zum Examen nicht recht ablegen können ^.^
EGePh
 
Beiträge: 19
Registriert: 13.03.2016, 18:43:37


Zurück zu Trost & Hoffnung

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 1 Gast