Kritik im Referendariat

Du hast positive Erfahrungen mit dem Referendariat? Du hast es endlich geschafft und weißt nun, dass sich das Durchhalten gelohnt hat? Erzähl davon!

Re: Kritik im Referendariat

Beitragvon sabisteb » 07.09.2017, 20:45:46

Das Problem an der Beratung durch die Mentoren ist meiner Meinung nach
1. Man wird nach einem Maßstab beurteilt, den man am Anfang meist nicht erfüllen kann, obwohl die Seminare ihnen eigentlich eingetrichtert haben, das nicht zu tun. Ich konnte irgendwann den Spruch: Folgende Dinge würden dir in einer Lehrprobe angekreidet werden... nicht mehr hören.
2. Wenn man mit den SuS so umgehen würde, dass man sie nur kritisiert und ihnen nicht sagt, wie man es besser macht würden sich diese verweigern. Warum macht man das mit Referendaren? Von einem Schüler würde man nie verlangen, dass er seine Arbeit kritisiert und auseinandernimmt. Man lässt ihm den Stolz auf das, was er geschafft hat. Ein Referendar muss sich in Kotau und Selbstzerfleischung üben.
3. Man sollte mit dem arbeiten, was das ist und das Gute ausbauen und fördern und nicht nur an den Defiziten rumnörgeln, das mach irgendwann jeden mürbe und geht in Richtung Hirnwäsche, wenn man nach jeder Stunde eine doppelt so lange Inquisition hinter sich bringen muss.

Alle Bundesländer schreien wegen Lehrermangel, besonders in den MINT Fächern.
Bei einem MINT Abschluss im Sek II ist es aber so, dass man jederzeit ziemlich problemlos in die Industrie wechseln kann, wenn es einem im Ref zu bunt wird und die Einstiegsgehälter sich in einem Bereich bewegen, bei dem man als Lehrer nach 15 Jahren ankommt. Das sage ich aus eigener Erfahrung, denn genau das habe ich gemacht.
Die Beamtenurkunde ist ein echter Türöffner, besonders bei bereits vorhandener Promotion. Wenn man solchen Referendaren das Leben dermaßen versauert, muss man sich nicht wundern, wenn diese abspringen. Das führt dann exakt zu dem Mangel an Fachlehrern, der beklagt wird, denn ganz ehlich, wer Ingenieurwissenschaften/Maschinenbau/Mathe/Physik/Informatik/BWL/VWL oder eine Promotion in Bio oder Chemie hat, der fängt nach 5 Monaten an, seinen Marktwert in der Industrie zu testen. In den Sommerferien klappert man die Bewerbungsgespräche ab und bei Schulanfang ist man raus.

Einen Vertrag bei einem global Player habe ich sicher, demnächst kommt aber wohl noch ein besseres Angebot von einer anderen global Player Firma, weil ich denen klipp und klar gesagt habe, ich finde deren Projekt interessant, sonst wäre ich nicht da, denn ich hätte eigentlich schon einen Vertrag, den ich nur unterschreiben müsste...
Einstiegsgehalt von 46k + Prämie + Dienstwagen + Home Office + WE frei + geregelte Arbeitszeiten... da überlege ich nicht zweimal, ob ich mich mit dem Ref weiter quälen werde.
In der Young Talents Schiene, werde ich auch planbar in den nächsten Jahren höher durchgereicht werden... Davon könnte ich im Lehramt nur träumen.
Die Beamtenurkunde auf Widerruf hat ihren Zweck für mich erfüllt.

Hätte man mich motiviert, mir geholfen und mir nicht den Spaß am Unterrichten so nachhaltig vergellt, wäre ich nicht auf die Idee gekommen, mich rauszubewerben.
Andererseits kann ich wohl dankbar sein, denn sonst würde ich jetzt nicht bei einem großen weltweiten Konzern eine gut bezahlte, ubefristete Stelle mit langfristiger, sicherer Perspektive bekommen. Mehr Standortsicherheit und Berufsperspektive und Aufstiegsmöglichkeiten als mir der Staat im Lehramt bieten würde.
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Re: Kritik im Referendariat

Beitragvon niconj » 07.09.2017, 21:30:23

Na du bist ja ein toller Player*... freu dich. Ich bin mir ziemlich sicher, dass man schon sehr viel Glück haben muss um mit einem normalen Lehramtsstudium in den MINT Fächern irgendwo in der freien Marktwirtschaft mehr zu verdienen als auf einer Planstelle als Lehrer.

Klar, wenn man promoviert hat, dann hat man sicherlich besser Chancen aber wozu macht man das, wenn man wirklich Lehrer werden will? Um dich damit zu bewerben, brauchst du die Beamtenurkunde auch nicht und für den Lehrerberuf bringt dir der Doktor ziemlich genau 0%.

Ein Schüler, der nur für sich selbst verantwortlich ist, braucht sich nicht so sehr in Selbstreflexion üben, wie ein angehender Lehrer, der später 100 Schüler vor sich hat.

*beklopptes Neu"deutsch". Hat mich bei meiner Zeit bei Dell auch schon aufgeregt.
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Re: Kritik im Referendariat

Beitragvon rossi87 » 08.09.2017, 13:08:33

Naja, da hat jemand wohl ordentlich Frust geschoben, dann sehr viel Glück gehabt und verklärt es rückblickend als einzig richtige und supereinfache Lösung für alle MINT-Lehrer.

Und ein Update, wenn in ein paar Jahren aus dem Traumjob dann doch der Frustjob geworden ist, wird es auch nicht geben.

Dennoch wünsche ich Sabisteb natürlich alles Gute. Mit der Einstellung wäre er auch an der Schule nicht glücklich geworden, was sich letztendlich auch auf die Unterrichtsqualität und damit auf die Schüler ausgewirkt hätte.
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Re: Kritik im Referendariat

Beitragvon kecks » 08.09.2017, 13:50:25

sabisteb, dir alles gute. ich wünsche dir, dass sich deine träume erfüllen und dein weltweit agierender konzern nicht plötzlich doch mit befristungen, 50-stunden-wochen und dann servus bei schwangerschaft um die ecke kommt. manchmal gibt's das ja noch, was du da beschreibst - geregelte arbeitszeit, unbefristet, gutes gehalt. aber die regel ist das nicht. meist bedeuten die genannten vorzüge, dass man mehr oder weniger immer abrufbereit zur verfügung steht und vom eigenen leben recht wenig sieht.
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Re: Kritik im Referendariat

Beitragvon niconj » 08.09.2017, 21:14:15

Kurz nachdem ich von Dell weg bin, haben sie für 67 Milliarden EMC gekauft. Deren Manager sind dann natürlich zum Teil auch übernommen worden und es wurde ordentlich aussortiert. Meinen Posten (durchaus besser bezahlt als der eines Lehrers) wurde wegrationalisiert. Da lob ich mir meinen sicheren Lehrerjob. Ja, das Ref war anstrengend, es ist aber wie in jeder Ausbildung, Augen zu und durch. Es wird besser.
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Re: Kritik im Referendariat

Beitragvon sabisteb » 10.09.2017, 19:13:35

Ich bin flexibel, wenn der aktuelel Job wegrationalisiert wird, dann wechsel ich eben (mal wieder).
Ich glaube schon lange nicht mehr an die Lebensstelle und finde es befreiend, immer die Wahlmöglichkeit zum Wechsel zu haben. Wenn man mal große Firmen im Lebenslauf hat, kann man auch gut in anderen Firmen unterkommen, wenn man mal wegrationalisiert wird. Die Babyboomer gehen in Rente, die nächsten Jahre wird es einfacher werden mit der Jobsuche für Hochqualifizierte Naturwissenschaftler.

Ich will mit meiner Geschichte jenen Naturwissenschaftlern im Ref Mut machen. Wenn es euch zu bunt wird, wenn ihr merkt, es passt nicht, wenn die Situation inakzeptabel ist, testet euren Wert mit Bewerbungen. Ihr könnte euch dann entscheiden, ob ihr weitermachen wollt oder in die Industrie wechselt. Die Angebote sind defintiv gut für's Selbstbewusstsein und die Beamtenurkunde öffnet Türen, die vorher verschlossen waren.
Das funtkioniert auch aus dem Job als Lehrer, wenn man nicht mehr will und es einen ausblutet.
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Re: Kritik im Referendariat

Beitragvon niconj » 11.09.2017, 0:06:24

Was soll denn die Beamtenurkunde für einen Vorteil ggü. dem eh schon abgeschlossenen Studium bringen? Ist ja nicht mal eine Qualifikation sondern einfach nur ein Wisch der sagt, dass man eben für den Staat arbeitet.
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