Schafft das Referendariat ab!!!

Konstruktive Kritik - das Referendariat muss reformiert werden! Eure Vorschläge...

Schafft das Referendariat ab!!!

Beitragvon gast28134 » 12.11.2008, 19:02:29

Ich habe vor einigen Wochen erfolgreich das Zweite Staatsexamen an einem Gymnasium in NRW absolviert, und ich freue mich darauf, endlich den Beruf endlich eigenverantwortlich auszuüben. Doch eines ist mir in dieser Zeit bewusst geworden: Ich werde es nicht vergessen oder verdrängen:

DAS REFERENDARIAT HAT MENSCHENVERACHTENDE ZÜGE UND GEHÖRT IN DIESER FORM SCHLEUNIGST ABGESCHAFFT!

Es kann nicht sein, dass man als quasi fertiger Akademiker (zumindest an meiner Uni war der Lehramtsstudiengang umfangreicher als das Magisterstudium, dessen Abschluss ja als "fertiges" Hochschulstudium gilt...) plötzlich de facto keine Rechte mehr hat: Fachleiter, Direktoren oder auch sogenannte Kollegen können einen als Fußabtreter mit weniger Rechten als ein Rekrut bei der US-Army oder einem verurteilten Knastbewohner benutzen, ohne dass sie irgendetwas zu befürchten hätten. Der Gelackmeierte ist der Referendar, über dem das Damokles-Schwert der Noten schwebt.
Und das in einer demokratischen Gesellschaft!
Und das in einer Institution, in der jungen Menschen Werte vermittelt werden sollen.
Das ist schizophren!
Weitere Schizophrenitäten:
der "bedarfsdeckende" (eigene) Unterricht: Obwohl auf dem Papier noch nicht fertig ausgebildet, haben Referendare alle Kompetenzen eines examinierten also fertigen Lehrers. Ich würde mich als Vater eines Kindes, welches von einem Referendar unterrichtet und ggf. schlecht benotet wird, „bedanken“, wenn dieser später beim Zweiten Staatsexamen durchfällt...
Bei Lehrermangel dürfen plötzlich Studenten oder VHS-Lehrer Schüler ohne weitere Ausbildung unterrichten mit allen Kompetenzrechten.
Ich will das nicht verurteilen. Letztgenannte machen z. T. sogar besseren Unterricht als so manch examinierter Kollege... aber wo liegt dann noch der Sinn in zweijährigen Referendarstortur? Man sollte sich einmal vorstellen, wenn man plötzlich De Facto- Laien den Arzt- oder Polizeiberuf ausüben lässt, weil gerade Not am Mann ist.
Wie gesagt, diese Praxis ist, wenn die Betroffenen (sozial) kompetent sind, akzeptabel, nur unterstreicht es die Sinnlosigkeit der Referendariatsinstitution!

Es kann nicht sein, dass sozial maßlos inkompetente Fachleiter mit teils sadistischen Zügen junge, motivierte Anwärter z. T. sogar demütigen und sich an ihrem psychischen Schmerz ergötzen. Jene Sorte von Fachleitern sind i. d. R. auch nicht die beliebtesten Lehrer. Trotzdem nehmen sie sich das Recht heraus, über andere, meistens bessere Lehrer (da bei Schülern einfach beliebter, da motivierender und menschlicher) einfach zu urteilen und deren Zukunft bestimmen.
Ebenso verhält es sich mit so genannten Kollegen, die ihren Frust an Referendaren auslassen, oder Direktoren, die ob der Rechtlosigkeit des Referendars noch ihre Macht ausüben können, was bei verbeamteten Kollegen nicht mehr möglich ist (denen können sie ja nichts...)
Des Weiteren leidet der Unterrichtsalltag gnadenlos unter den „Showstunden“. Referendare sind oftmals Tage vorher mit den Nerven am Ende und planen auf die eine Stunde hin, die dann gut ist – ganz im Gegensatz zu den Stunden davor! (Referendariat = im Sinne der Schüler?!)
Dass die Showstunden kaum etwas mit dem Unterrichtsalltag gemein haben, steht sowieso außer Frage. Jeder weiß es (inkl. Fachleiter), doch alle folgen dem System.
Franz Kafka lässt grüßen!
Wie oft saß ich an diesen unsäglichen Unterrichtsentwürfen und brütete über die Formulierung von Teillernzielen, statt alltäglichen Unterricht gut vorzubereiten...
„Für diese Scheiße bekomme ich sogar Geld!“, dachte ich mir beim Vorbereiten der Showstunden!


Es gibt viele Möglichkeiten, das System im Sinne von Berufsanfängern und vor allem SCHÜLERINNEN UND SCHÜLERN zu modernisieren:
Ein Praxishalbjahr während des Studiums mit Referendiat-artigen Zügen (Unterrichtsbesuche). Hier würden Fachleiter aufgrund der kurzen Zeit zu mehr Transparenz gezwungen (das meist nutzlose Geblubber in den Seminaren hält doch kein Mensch aus...), und man muss sich nicht mehr in Telepathie üben. Fragen kostet ja bekanntlich ne ganze Menge (schlechtere Noten, weil man ja nicht selbstständig ist bzw. Schwächen zugibt...)
Nach dem Studium: direkte Bewerbung an den Schulen, Anleitungsunterricht und Einsatz der Berufsanfänger in der Verantwortung der Schulen. Das würde für Schulleiter und Ausbildungskoordinatoren natürlich eine größere (soziale) Verantwortung bedeuten- wie jedem normalen Betrieb auch! Ich möchte nicht wissen, wie viele Direktoren mit ihrer sozialen Inkompetenz als Chefs in der freien Wirtschaft ihre mittelständischen Betriebe vor die Wand gefahren hätten...

An die fähigen Fachleiter, die auch ich in Teilen erleben durfte:
Verzeiht, aber meinem Eindruck zufolge seit ihr in der Unterzahl!

An die guten Direktoren:
Irgendwie war kein Referendar, den ich kannte, mit euch zufrieden... ich will aber nicht ausschließen, dass es wirklich gute Direktoren gibt ;-)

An alle:
Polemik ist durchaus gewollt! Sie soll zum Nachdenken anregen!
gast28134
 

Beitragvon kakaotrinkerin » 12.11.2008, 19:25:54

Man kann alles im Leben polemisch sehen.

Man könnte auch fordern, die Schule abzuschaffen, weil es nicht sein kann, dass sadistische, unfähige Lehrer motivierte Schüler nur fertigmachen und mit Noten Druck ausüben.

Man könnte auch fordern, Hartz IV abzuschaffen oder zu senken, weil es eigentlich nicht sein kann, dass Leute, die als Geringverdiener von morgens bis abends schuften, letztendlich nicht mehr raushaben als jemand, der gerne den ganzen Tag vorm TV liegt und sich freut, dass wir einen Sozialstaat haben.

Kann man alles polemisch aufziehen. Und wie immer im Leben wird die Wahrheit irgendwo dazwischenliegen.

Das, was du schreibst, ist einfach künstliches Drama pur und wird der Realität von 95% der Referendare nicht im geringsten entsprechen.

Aber du findest hier sicher viele, die sich gerne mit dir dareinsteigern.
kakaotrinkerin
 

Beitragvon gast28134 » 12.11.2008, 19:59:41

95% der Referendare, ja, nee, is klar...Scheinst ja wirklich hunderte zu kennen... wie auch immer

Deine Beiträge hatte ich ich schon vorher beobachtet... schön, dass man hier auch Fachleiter zwecks gedanklichem Austausch trifft ;-)

Ich gehe gerne auf Deine Vergleiche ein:
1.) Immer wieder werden Referendare mit Schülern verglichen. Referendare sind aber keine Schüler, sondern studierte Akademiker und sollten auch so behandelt werden!

2.) Schüler können sich gegen Lehrer wehren, notfalls mithilfe der Eltern/Schulvertreter/Klassensprecher über die Schuleitung, welche i.d.R. den guten Ruf der Schule wahren wollen. Man glaubt nicht, welche Macht Schüler über Lehrer haben können! Und offen gesagt: Das ist auch gut so! Meinen Schülerinnen und Schülern gestehe ich soviel Kompetenz und gesunde Solidarität zu, dass sie es, wenn der betroffene Schüler im Recht ist, auch sein Recht auf konstruktivem Wege erreichen (und das ist jetzt kein Elitegymnasium...)

3.) Der Hartz IV-Vergleich ist mir wohl zu hoch, sorry...

Denk Dir einfach meine "Entschuldigung" für die Polemik weg, ich meinte es schon ernst. :twisted:
gast28134
 

Beitragvon Ulysses » 12.11.2008, 21:27:21

ich selbst bin mit Magisterabschluss ins Referendariat gegangen, ehemalige Studienkollegen von mir sind direkt mit Magister (ohne Referendariat) in den Schuldienst eingestiegen und dort von Betreuungslehrern oder Ähnlichem eingelernt worden. da wir vor dem Eintritt in den Schuldienst die gleiche akademische Ausbildung hatten, können wir uns durchaus direkt vergleichen.

im Vergleich zu ihnen stelle ich immer wieder fest, dass ich mich jetzt in vielen Dingen leichter tue, bei denen sie sich schwer abmühen, weil sie das nie systematisch gelernt haben. das betrifft alle möglichen Bereiche, etwa Unterrichtsmethoden, Erstellung und Korrektur von Leistungsnachweisen, Schulrecht, usw.

von daher meine ich, dass mir das Referendariat durchaus etwas gebracht hat und die Ausbildung sinnvoll war. das Referendariat ist vielleicht in manchen/vielen Bereichen reformbedürftig, aber ganz abschaffen würde ich es nicht :!:
Bayern, Gymnasium, Latein/Geschichte.
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Beitragvon Scooby » 13.11.2008, 0:27:36

Nunja: Das Ref ist so sinnvoll, wie die Seminarlehrer fähig sind; wie immer im Leben. Ich hatte Glück, viele haben Pech.
Scooby
 

Beitragvon Katta » 13.11.2008, 13:14:38

Ich gehöre leider nicht zu den Glücklichen, die ein gutes Ref erleben durften... zwar würde ich nicht soweit gehen, von psychischen Spielchen o.ä. zu sprechen, aber es ging schon ganz schön an die Substanz.
Und vor allen Dingen hatte ich das Pech, keine Fachleiter zu haben, die mir wichtige Aspekte des Lehrerlebens systematisch (!!) beigebracht haben.
Ich weiß aber aus Erfahrung von Freunden, dass das geht und dass es das gibt!

Im Prinzip finde ich die Idee des Referendariats gut - es gibt Raum, zu lernen, man wird angeleitet...
Ich wäre dafür, dass man die Fachleiter besser ausbildet, regelmäßig überprüft und beurteilt. Und evtl. nach anderen Kriterien ausgewählt? (Wobei ich nicht en detail infmormiert bin, wie sie ausgewählt werden...)

Und ich bin schon der Meinung, dass man Fachleiter kritisieren kann, ohne dass das automatisch schlechte Noten heißt.
Eure Schüler dürfen euch doch ach kritisieren, ohne dass sie deswegen gleich schlechte Noten bekommen? Warum sollte das für Fachleiter per se nicht gelten? (Mit Sicherheit gibt es auch da Ausnahmen, bei denen das so ist.)
Das Problem ist hier vermutlich auch Transparenz -die Kriterien müssen transparent und nachvollziehbar sein.
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Beitragvon gast28134 » 13.11.2008, 14:56:30

Ich bin der Meinung, dass man die Systematik der Stunden- und Reihenplanung auch innerhalb eines halben Jahres erlernen kann (z.B. in Form eines Praxissemesters mit Begleitseminar plus geplante und durchgeführte Reihe unter einer didaktischen Fragstellung als Abschlussarbeit).
Viele Fachleiter machen da ein Riesenfass auf, dabei sind das Handgriffe, die, wenn sie transparent vermittelt und vertieft werden, auch umgehend umgesetzt werden können. Stattdessen herscht ein Kreativitätszwang vor ebenso wie die Voraussetzung von telepathischen Kenntnissen!
Es spricht ja niemand davon, dass man nach dem Studium umgehend ins kalte Wasser einer vollen Stelle geschmissen werden sollte (auch wenn es durchaus Überflieger gibt, die das meistern können).
Eine Anleitung kann und sollte in der Mehrzahl der Fälle auch nach dem Studium geschehen, durch ein fähiges, (sozial) kompetentes Anleitungssteam von Direktoren, Ausbildungskoordinatoren, Mentoren und Anleitungslehrern, welche durch Fortbildungen in Beratung von Erwachsenen und modernster Fachdidaktik (!) regelmäßig geschult werden.
Die Anleitung geschähe ganz ohne Notendruck, sondern mit individueller Betreuung und Beurteilung. Ist der Chef dann in Übereinkunft mit dem Berufsanfänger der Meinung, dass er ihm ihm immer mehr Eigenverantwortung übertragen kann, dann kann er es tun, SO WIE IN JEDEM ANDEREN BETRIEB AUCH!
Hier läge natürlich mehr Verantwortung beim Chef. Er müsste sich an der Atmosphäre unter "seinen" Lehrern und ihrer Motivation, sowie ihrer Qualität messen lassen bzw. ob er fähige Lehrkräfte an seiner Schule halten kann...SO WIE EIN JEDEM ANDEREN BETRIEB AUCH!
Es kann einfach nicht sein, dass erwachsene Akademiker durch teils willkürliche Notenvergabe gegängelt werden. Die Mehrzahl der mir bekannten Lehrer empfanden das Referendariat als psychische Tortur. Selbst wenn jemand mit allen ihn benotenden Menschen positive Erfahrungen gemacht hat (jetzt mal ernsthaft: das ist so selten wie ein Lottogewinn!), bleibt immer noch die Zeitverschwendung der Vorbereitung der Besuchsstunden. Noch heute habe ich ein schlechtes Gewissen gegenüber meinen Schülern, welch teils mies vorbereitete 0815-Stunden ich in meinen eigenen Lerngruppen gehalten habe, weil dafür -zugunsten der Showstunden- nicht mehr die Zeit blieb...
gast28134
 

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