Dieser Druck

Konstruktive Kritik - das Referendariat muss reformiert werden! Eure Vorschläge...

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Beitragvon Sonntagskind » 28.10.2009, 22:38:27

Hallo zusammen,

nachdem ich nun fast zwei Jahre Referendariat hinter mir habe und unmittelbar vor dem 2. Staatsexamen stehe, habe ich mich gefragt, was ich an diesem Vorbereitungsdienst am belastendsten empfunden habe.
Für mich hat sich in dieser Zeit eigentlich herauskristallisiert, dass vor allem der im Seminar aufgebaute Druck einen freien, echten und halbwegs entspannten Umgang mit den vermittelten Inhalten, und mehr noch: mit dem Unterrichtsalltag mehr verhindert als fördert. Sobald man im Vorbereitungsdienst ist, richten sich tausend Augen auf den Referendar, der dann eigentlich nicht für die Schüler, sondern für den Seminarlehrer Stoffverteilungspläne, Protokolle und Stundenentwürfe am laufenden Band produziert - und überhaupt nicht dazukommt, das ganze pädagogische, methodische und didaktische Wissen, das er in den Fachsitzungen vorgesetzt bekommt, zu verarbeiten, selbst wenn sich die Seminarlehrer noch so viel Mühe geben.
Ich würde z.B. von meiner Seminarschule und meinen Fächern sagen, dass meine beiden Seminarlehrerinnen äußerst kompetent sind und alles versuchen, uns die Inhalte bestmöglich zu vermitteln. Trotzdem entsteht Druck von allen Seiten. Man weiß, wenn man in den Stunden, in denen man besucht wird, nicht wie aufgezogen funktioniert, fließen eben diese Beobachtungen in die Beurteilung ein. Dass es vielleicht ohne Beobachter viele Stunden gab, die gut gelaufen sind, spielt dann keine Rolle. Dabei blockiere ich z.B. gerade in den Stunden, in denen ich weiß, dass mir auf die Finger geschaut wird. Nicht bewusst natürlich, aber ich fühle mich starr und eingeengt, sobald jemand hinten sitzt und ich weiß, dass jeder Versprecher, jede falsche Bewegung, einfach alles registriert wird, und wenn ich mich so im Seminar umhöre, geht es wohl vielen ähnlich.
Daher glaube ich, das Referendariat, so wie es derzeit ist, macht das bei vielen sicherlich vorhandene Potential eher zunichte, weil die belastende Situation eigentlich verhindert, dass man sich wirklich mit den Schülern auseinandersetzt. Ich denke allerdings auch, dass dies im späteren Lehreralltag oft ähnlich ist, wenn auch aus anderen Gründen. Hier wäre meiner Meinung nach dringender Nachbesserungs- bzw. Änderungsbedarf.
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Beitragvon Freak_ » 30.10.2009, 11:02:19

Sehr schön zusammengefasst. :D
Man weiß, wenn man in den Stunden, in denen man besucht wird, nicht wie aufgezogen funktioniert, fließen eben diese Beobachtungen in die Beurteilung ein. Dass es vielleicht ohne Beobachter viele Stunden gab, die gut gelaufen sind, spielt dann keine Rolle. Dabei blockiere ich z.B. gerade in den Stunden, in denen ich weiß, dass mir auf die Finger geschaut wird. Nicht bewusst natürlich, aber ich fühle mich starr und eingeengt, sobald jemand hinten sitzt und ich weiß, dass jeder Versprecher, jede falsche Bewegung, einfach alles registriert wird

Mir ging und geht - habe noch fast 9 Monate - es genauso! Aber zu ändern ist das wohl nicht, denn die Prüfer können sich ja nicht heimlich im Klassenraum verstecken...
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Beitragvon Illi-Noize » 30.10.2009, 11:06:59

Mal ein "wilder" Vorschlag:

Ich würde mal tippen, dass 90% der Referendare besser und realistischer bewertet werden würden, wenn es eine versteckte Kamera geben würde und der Alltag auch mit bewertet werden würde.

Da würden die ganzen "Pappnasen", die in den Besuchen einen Methodenzirkus veranstalten und sonst rein gar nichts zu bieten haben, "endlich" mal richtig bewertet werden, und Otto-Normal-Referendar, der konstant solide Stunden ohne übertriebene Showstunden hält, käme aus meiner Sicht zurecht besser weg.
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Beitragvon Trinity79 » 30.10.2009, 14:21:16

Ich geb euch allen zu 100% Recht!

Dieses ständige Beobachtetwerden ist wirklich belastend. Egal, was man macht, jeder Pups wird bewertet.
Das mit der versteckten Kamera wäre für meine Begriffe gar nicht schlecht.

Ich höre von meiner Mentorin auch immer nur, dass man von uns ein Methodenfeuerwerk erwartet und sich zum Entertainer da vorne macht.
Das ist total unrealistisch und später mit vollem Deputat eh nicht mehr umsetzbar. Sogar meine Englisch-Fachleiterin hat das erkannt, immerhin.
Übertriebene Showstunden müssen meiner Meinung nach wirklich nicht sein.
Viele Grüße von Trinity
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Beitragvon Sonntagskind » 30.10.2009, 15:08:52

Hallo!

Viele der Seminarlehrer wissen ganz genau, dass die Art der Bewertung zum Teil unrealistisch ist. Unsere Deutsch-SL sagt sogar, ihr sei es an sich lieber, wenn ein Referendar erst einmal lernt, ganz normale Unterrichtsstunden zu haltenk und dazu gehören nun mal auch ab und an (vielleicht langweilige) Lehrervorträge, die ja zur Zeit in der fachdidaktischen Theorie absolut verpönt sind, es gehört eben auch mal ein schnöder Hefteintrag oder eine Phase dazu, in der der Lehrer vorn steht und den Schülern einfach etwas erzählt. Als ich am Anfang einen Deutschgrundkurs übernahm, dachte ich, in der Oberstufe würden die Kids es toll finden, viel Projekt- und Gruppenunterricht zu haben, aber oft ist sogar das Gegenteil der Fall. Den _Ausruf "Nicht schon wieder eine Gruppenarbeit!" habe ich aus Schülermund mehrfach vernommen und habe dann auch, wenn niemand da war, mitunter eben auch Lehrervorträge gemacht, wenn es sich um Stoff handelte, der schnell an die Schüler herangetragen werden sollte - denn Gruppenarbeiten bedeuten einfach immer mehr Aufwand, und ob das Ergebnis dann wirklich immer so ist, wie die graue Theorie sagt, bezweifle ich. Es muss einfach eine gesunde Mischung aus den unterschiedlichen Methoden sein, die sich auch am Lerninhalt orientiert, und nicht nur an der Maßgabe, den Schülern Action und Entertainment zu bieten.
Allerdings belastete mich in den zwei Jahren gar nicht so sehr die Tatsache, dass ich abwechslungsreich unterrichten soll - denn das versuche ich so oder so. Es ist vielmehr der Umstand, dass einfach jede noch so winzigste Kleinigkeit noch auseinandergepflückt wird: "Frau X, Warum haben Sie das Licht nicht angemacht, nachdem der OHP aus war? Hinten in der letzten Reihe hat jemand mit seinem Stift gespielt, haben Sie das nicht bemerkt? Sie waren zu langsam beim Austeilen der Arbeitsblätter. Sie sind zwei Minuten zu früh fertig geworden." usw usw. Das ist oft einfach nur Haarspalterei, denn jeder kennt im Alltag das Problem, mal zu früh oder zu spät fertig zu werden, also nicht exakt zwei Minuten vor dem Gong die Hausaufgabe angeschrieben zu haben, jeder reagiert mal auf etwas nicht, weil er es schlicht nicht registriet hat oder weil es einfach nicht störend war... Und noch schlimmer ist, wenn unterschiedliche Seminar- bzw. Betreuungslehrer jeweils gegensätzliche Vorstellungen an einen herantragen. Die eine Seminarlehrerin (bei mir Französisch) will, dass auch der Anfangsunterricht einsprachig, also nur in der Fremsprache stattfindet, die Betreuungslehrerin sagt, das sei zu schwer für die Schüler. Und ich bin als Referendarin der Depp vom Dienst, weil ich es keinem recht machen und zwischen beiden Parteien eigentlich zerrieben werde! Letztlich ist aber vieles, wie schon gesagt wurde, wahrscheinlich wirklich nicht einfach so zu ändern. Die Unterrichtsbesuche an sich sollten schon stattfinden, denn woher sollen denn sonst die Rückmeldungen kommen? Ich meine eher, man müsste sich mal etwas mehr darüber Gedanken machen, wie die Lehrerwirklichkeit tatsächlich aussieht und sich mehr daran orientieren. Die Maßgabe "Ein Lehrer hat ständig präsent zu sein" z.B. mag ja richtig sein. Tatsache ist aber, dass ein Vollzeitlehrer mit 24 Wochenstunden in einer 7. Stunde am Nachmittag auch schon in der Konzentration nachlässt - weil das ganz menschlich und natürlich ist. Ich finde, solche Punkte müssen stärker berücksichtigt werden, nur habe ich auch kein Rezept, wie das am besten gelingen könnte. Im Moment müssen wir eben einfach dieses Spiel mitmachen, aber ich persönlich bin heilfroh, wenn ich im Dezember mit dem ganzen Spaß fertig bin, auch wenn ich wirklich in diesen zwei Jahren viel gelernt habe.
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Beitragvon nele » 30.10.2009, 18:34:50

Trinity79 hat geschrieben:Ich geb euch allen zu 100% Recht!

Dieses ständige Beobachtetwerden ist wirklich belastend. Egal, was man macht, jeder Pups wird bewertet.
Das mit der versteckten Kamera wäre für meine Begriffe gar nicht schlecht.


Äh, weil es belastend ist, dass jeder Pups bewertet wird, wollt ihr die Dauerbeobachtung durch eine versteckte Kamera?

Hier zeigt sich mal wieder das "andenken" in der Regel ein Synonym von "nicht zuende denken" ist. :)

Nele
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Beitragvon Sonntagskind » 30.10.2009, 19:04:00

Guten Abend Nele,

über derartige Methoden nach dem Motto "Big brother is watching you" muss man wohl nicht ernsthaft nachdenken, sie wären rechtlich mit Sicherheit nicht durchführbar! - Nein, ich denke, an den Unterrichtsbesuchen selbst ist nichts zu ändern. Wie ich schon schrieb, haben diese natürlich auch ihren Sinn. Mir geht es eher um die Frage, was wie gewertet bzw. beurteilt wird. Vielleicht könnte man auch an ganz anderer Stelle ansetzen, so wäre ich z.B. sehr für begleitetes und betreutes Unterrichten von Anfang an, also schon zu Beginn des Lehramtsstudiums, und nicht erst ganz am Ende. Die zwei Praktika, die die Gymnasiallehrer haben, kann man im Prinzip vernachlässigen. Man bekommt dort vielleicht einen kleinen Einblick, aber wenn man sich dann ein bisschen daran gewöhnt hat, ist alles schon wieder vorbei. Anders hätte man Zeit, sich allmählich an das Unterrichten "heranzutasten", nach und nach immer mehr Routine zu gewinnen, und würde dann vielleicht auch Unterrichtsbesuche nicht mehr als so extrem belastend empfinden. Fest steht für mich: Das Referendariat widerspricht eigentlich allen lernpsychologischen Grundsätzen, die so gern gelehrt werden, z.B. dass Angst und Stress den gewünschten Lernerfolg im Grunde ausschließen. Für den Referendar scheint das plötzlich nicht mehr zu gelten. Man bekommt dann nur zu hören: "Naja, Sie sind ja erwachsen, Sie halten das schon aus." Da stimmt für mich etwas nicht!
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